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24/08 2005:

FJS über seine BMW R 1100 GS

2004 gab es ein Tourenfahrer-Sonderheft zur BMW GS. Mein langjähriger Freund (und früherer MO-Konkurrent) Reiner H. Nitschke, Verleger von „Tourenfahrer“ und „Motorradfahrer“, bat mich um einen Artikel zum Thema.

 

Mein Manuskript trug den Übertitel „Erfolg mit zwei Buchstaben: GS“.

 

Und die Titelzeile lautete ganz unbescheiden, aber auch stolz: „Mein Motorrad. Meins“

 

BMW R 1100 GS. Roter Tank, gelbe Sitzbank. Kennzeichen S-MT 81. Tag der ersten Zulassung: 5.8.1994. Krad, Motorrad o. Leistungbeschränkung. K57/6500. Nüchterne Eintragungen im Kraftfahrzeugschein.

 

Mein Motorrad. Meins. Ziemlich schmutzig, weil ich kein Polierer bin, lieber Fahrer. Und schmutzige Motorräder werden weniger gestohlen als blitzsaubere. Km-Stand lt. Tachometer 68467. Plus mindestens weitere 12000 km, gefahren ohne Tachowelle. Drei Stück habe ich verschlissen in kürzester Zeit. Dauernd ging übern Sommer 1995 die Tachowelle kaputt und ich hatte keine Lust, eine neue nach der anderen einzubauen.

 

Fahrten durch Städte, Länder. Über Landstraßen, durch Wälder, an Seen vorbei, über Pässe. Autobahn von A nach B. Sogar in Amerika waren wir miteinander. Bräute hinten drauf, wie Prinzessinnen thronten meine damaligen Lebensabschnittsgefährtinnen Felicitas, Susanna, Nora auf der BMW R 1100 GS, lehnten sich hinten am Topcase an und genossen es, durch die Gegend geschaukelt zu werden.

 



Man beachte die Aussagekraft des T-Shirt ;-)


Dennoch: Die schönsten hundert Kilometer meines Lebens fanden nicht mit meiner BMW R 1100 GS statt, sondern einer MV Agusta F4 Oro. Davon muss ich im Zusammenhang mit meiner R 1100 GS unbedingt erzählen.

 

Auf meiner MV Agusta F4 Oro ritt ich ganz alleine über den legendären Nürburgring. Fünf Runden Nordschleife am späten Abend eines heißen Julitages im Jahre 2001. In der Glotze wurde das F1-Rennen aus Kanada übertragen und alle Sportfreunde saßen davor. Alle, außer mir.

 

Der Vierzylinder mit den vier radial im Kopf angeordneten Ventilen sang ein Lied mit dem Titel „Zwischen acht- und vierzehntausend Touren“. Wunderbar flutschten die Gänge rein. Die operettenhaften und deswegen leicht mitzusummenden Texte handelten der Glorie der Marke MV, von 270 GP-Siegen und 75 Fahrer- und Marken- WM-Titeln. Giacomo Agostini dirigierte das Orchester, Mike Hailwood tanze eng umschlungen mit einem, oh Wunder, sehr schönen Eifelmädchen. Barry Sheene und Phil Read standen Rücken an Rücken, würdigten sich keines Blickes, aber rauchten zusammen mit Renzo Pasolini auf offener Bühne eine Gauloise nach der anderen. Jarno Saarinnen stritt sich leise, aber intensiv mit Jim Redman, weil der Finne meinte, dass die vierzylindrige Yamaha TZ 700 den besseren Sound produzierte als die Honda 250 Six, dem der Südrhodesier heftig widersprach.

 

Flugplatz, Wippermann, Brünnchen, Pflanzgarten. Die Pirelli Corsa klebten auf dem Asphalt wie frisch unter den Schuh getretener Kaugummi. Die Showa-Telegabel und das Öhlisfederbein sprachen so fein an wie eine mit den Federn grauer kanadischer Wildgänse gefülltes Daunendecke. Volles Leben auf der Piazza Nordschleife also. Fehlte nur noch Jochen Luck, der legendärste aller Streckensprecher. Es wurde mir fast zu viel des Guten und deswegen stoppte ich den Traum in der fünften Runde, indem ich mir sagte: „Schermer, es ist GENUG!“

 

Ich bin danach nur noch einmal mit der MV gefahren. Es war nie mehr so wie im August 2001. Kurze Zeit später habe ich die sie verkauft. Keine Träne habe ich ihr nachgeweint. Wir haben einfach Schluss gemacht, wie ein Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat seit dieser Nacht, dieser einen, einzigen Nacht, die so schön war, dass man sie niemals vergessen kann. Warum auch? Ein Paar, das alle anderen Nächte nach dieser Nacht an dieser einen Nacht gemessen hat, an dieser einzigen Nacht, der Nacht der Nächte. Die langsamer vorbei ging als andere Nächte vorbei gehen, aber doch beiden als längste, schönste Nacht des Lebens in Erinnerung bleiben wird und immer schöner wird, je mehr und je länger man darüber nachdenkt.

 

Schluss gemacht habe ich mit der MV F4 mit dem Wissen, eine treue Ehefrau zuhause zu haben, eine, die versteht und deswegen verzeiht und vergibt. Typisch Deutscher Spießer. Eine Ehefrau, die weiß, wie das Leben manchmal spielt, wenn ein Mann verführt wird von einer Schlampe, die mit tollem Körper und hohlem Hirn auf Stilettos daherkommt, der eine Absatz etwas schief getreten und am anderen Bein eine Laufmasche, deren Ende die Nacht der Nächte verspricht, die dann bei knappem Licht, leiser Musik und schwerem Rotwein auch das wird, was man nie für möglich gehalten hat.

 

Kurz und gut, ich bin zu ihr zurückgekehrt. In Wahrheit hatte ich sie nie verlassen. Vielleicht ein wenig vernachlässigt, um ganz ehrlich zu sein. Zugegeben, es hätte nicht sein brauchen, na ja, wie das halt so ist, wenn man mit der Geliebten seine Affäre über ein paar wenige Jahre lang zu verhackstücken hat.

 

Sie empfing mich trotzig. Stolz stand sie da, meine BMW R 1100 GS, ein dralles Eheweib mit karierter Schürze und zerzaustem Haar, und sagte zu mir, während sie zitternd ihre schwitzenden Händen an ihrem etwas zu dicken Hintern abwischte: „Na Alter, schon zurück vom Ausflug?“ Und ich sagte „ja, siehst du doch, bring mir mal ein Bier!“ Sie traute sich nicht „kein’s mehr da!“ zu sagen. Stattdessen öffnete sie mir die Schnürsenkel und brachte meine weißblauen Hausschuhe.

 

Wir kamen langsam, aber zäh wieder ins Gespräch. „Daß die Zicke endlich weg ist“, sagte die R 1100 GS, „tut mir gut, immer musstest du aufpassen, wenn du sie neben mich in die Garage schobst, dass ich ihr mit meinen dicken Zylindern keinen Kratzer in die Verkleidung machte.“

 

„GS“, sagte ich streng zu ihr, denn eine GS muss man streng anreden, sonst hört sie einem nicht zu, „mit steigendem Alter fällt uns das Bücken mit immer schwerer. Aber auf dir brauche ich mich nicht zu bücken, deswegen fühle ich mich zuhause. Außerdem wird mir der Genuss, auf dir in zeitloser Ruhe durch eine schöne Landschaft zu reiten, mehr und mehr wichtiger als die Nordschleife mit der Nase knapp überm Tank in möglichst kurzer Zeit zu umrunden!“

 

„Hoho“ dröhnte sie aus ihrem kesselähnlichen Ranzen, der Plastiktank bekam einen bebenden Lachanfall, „du meintest wohl Radarfallen, als du Landschaft sagtest!“ und ich habe ihr sofort Recht gegeben: Wo geht es noch über die Landstraße mit mehr als 130, wenn nur 80 erlaubt sind? Wo kann man heute noch ungestört von fahrenden Bürgerkäfigen und Blitzampeln ein wenig herumtoben?

 

Nicht nur ich bin alleine mit dieser Meinung. Denn wie anders lässt es sich erklären, dass sich Jahr für Jahr die BMW R 1100 GS (neuerdings 1150) an der Spitze der Zulassungsstatistik findet? Dabei hat sie nur die Hälfte der Zylinder eines (japanischen) Supersportlers, aber fast doppelt so viel Hubraum. Sie ist nahezu doppelt so schwer und kostet auch einen dicken Batzen mehr als die tollen, technisch ausgefeilten, angeblich so perfekten Hypersportler, mit denen man Rennen fahren kann aus der Kiste heraus.

 

Und sie hat Macken. Das Getriebe ist nicht perfekt, die Verarbeitung sieht an vielen Stellen aus wie frischer Schwermaschinenbau aus den 30er Jahren und ihre Bowdenzüge hängen in weiten Schleifen in der Gegend herum. Ach ja, und ab und zu bleibt sie stehen und dann findet noch nicht einmal der ausgebildete BMW-Mechaniker unter angestrengter Zuhilfenahme des Diagnosegerätes den Fehler namens Kupferwurm in den Eingeweiden des Motorsteuergerätes.

 

Natürlich geht sie nicht kaputt. Sagen die eingefleischten BMW-Fahrer. Zu „klappernden Ventilen“ sagen sie: „so lange der Boxer rasselt, läuft er auch!“ und zum klackenden Getriebe mit den langen Schaltwegen meinen sie ziemlich arrogant: „Solltest mal Schalten lernen, Junge!“ Wer übers Gewicht lästert, der hört den abgewandelten Fisherman’s-Friend-Slogan: „Ist sie zu schwer, bist du zu schwach!“

 

Oh Gott, BMW. Der Stolz Bayerns. Deutsche Wertarbeit. Gestandene Motorradln. Genau das Gegenteil der liebenswürdigen Japaner, die das bauen, was der Kunde will. Ihn fragen, was sie besser machen könne, machen sollen, nur für ihn, den geliebten Kunden. Ihm jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Ihm Motorräder hinstellen, die so perfekt sind, so wunderbar funktionieren, dass man sich fragt, in welchem Motorradhimmel man jetzt schwebt. Und: Warum haben sie das gestern nicht schon so gut gemacht? Langeweile droht vor lauter Perfektion!

 

BMW dagegen stellt dem Kunden hin, was sich die Inscheniöre in München ausdenken. Und die Kunden kaufen und kaufen, sind stolz und glücklich, mehr Geld dafür ausgegeben zu haben wie für einen vergleichbaren Japaner. Kaufen sich BMW-Prestige, die Freude am Fahren. Kommen spätestens dann, wenn der Besitzerstolz in nicht-anspringen-bei-Kälte-Realität umgedreht wird, zum Vertragshändler zurück und weinen bitterste Tränen der Endtäuschung ob der Tatsache, dass das Getriebe halt doch kracht, obwohl sie schon vier Monate lang üben und üben, sich überall Rost- und Drecknester auftun, obwohl sie jeden Samstag putzen und überhaupt, für das Geld sollte man doch wenigstens wasserdichte Koffer bekommen, oder etwa nicht?

 

Tja, wo also liegt das Geheimnis des BMW-Erfolgs der letzten Jahre? Made in Germany kann’s nicht sein, dazu sind die BMWs von heute immer noch zu wenig zuverlässig. Besonders schnell sind sie auch nicht und besonders leicht wäre genau das Gegenteil der Wahrheit. Die magische ABS-Bremse vielleicht? Die Sicherheit nicht nur suggeriert, sondern sie auch demjenigen Kunden wirklich gibt, der ein eher ungeübter Fahrer und damit auch schlechter Bremser ist (was er beides weder glaubt noch zugeben würde!)?

 

Machomotorräder wie die GS-Serie, das kann’s wohl sein. „Ist sie zu groß, ist sie zu hoch, ist sie zu schwer, bist du zu schwach!“ Von diesem inneren Bild nehme ich mich garnicht aus. Warmduscher fahren softe Gold Wings, Jungbubis müssen immer die neueste irgendwas haben. Ich bin am Ziel, ich habe die beste Ehefrau der Welt, denn ich fahre eine BMW R 1100 GS.

 

Ja, das kann es sein. Keine Langeweile mit der Ehefrau namens BMW R 1100 GS. Keine. Und man kann sie lieb haben. Jede Macke, jeder Kratzer an meiner R 1100 GS hat eine eigene Geschichte. Aufkleber von Alpenpässen zieren die ziemlich zerschrappten Heckkoffer meiner GS. Wie die Fältchen, Falten und Speckröllchen, die jede Ehefrau irgendwann an sich kriegt. Deswegen stört mich die zerkratzte kleine Scheibe über der Lampe überhaupt nicht, denn ich muss beim Fahren ja nicht durchgucken – ist ja kein Supersportler, den man flach auf den Tank gepresst mit klopfendem Herzen über die Straßen peitscht und man deswegen mit unnatürlich nach oben gebogenem Hals durch die Scheibe gucken muss, immer knapp zwischen den zerschossenen Fliegen durch.

 

Das Verhältnis zu den Nächten ändert sich eben im Laufe der Zeit: Sie sieht fern, ruht in sich auf der blauen Ikea-Couch, während ich diese Zeilen geschrieben habe. Bleibt mir nur noch zu ihr zu sagen: „Ich liebe dich!“ Und: „Ich werde dich nie verlassen“.

 

Tja, Jungs und Mädels, dies war eine Liebeserklärung an meine BMW R 1100 GS. Ich werde nachher der Harley sagen, dass es bald Frühjahr wird, die Sonne kommt und damit auch wieder die Temperaturen, bei denen man mit schwarzen Lewis 501, amerikanischen Cowboystiefeln, alter Lederjacke und einem halben Helm gut angezogen ist und so auch Motorrad fahren kann. Ich werde mir überlegen, wo ich im Sommer in Urlaub hinfahren möchte, wo man ohne Leistungsdruck eines machen kann: Motorradfahren, ohne sich bücken zu müssen, um an den Lenker zu kommen.

 

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