Illustration
24/08 2005:

Männer, Frauen und Werkzeuge

Vom Schrauben und über das Schrauben.

 

Fahren wir Motorrad, um zu fahren? Frage im Detail: Haben wir ein Motorrad, um damit von A nach B zu fahren? Zum Beispiel folgende Strecke: Start bei A, weiter an der Eisdiele vorbei (AA) und an der Espressobar (AB), bei der Tankstelle mit der netten Kassiererin eine Schachtel Gauloise kaufen (BB), dann weiter zur Spinnerbrücke (ABA), sich vorzeigen, eine lange Gerade und zwei Kurven genießen und Radarfallen ausspähen (A nach B zurück nach A) um anschließend beim Türken einen Döner zu verspeisen (BB erreicht), weil zu mehr reicht die Kohle nicht, der Sprit ist wieder teuerer geworden und einen neuen 190er-Hinterradreifen brauchen wir auch, natürlich muss es der Diablo mit der weichsten AA-Teufelsmischung sein. Wegen der geilen Haftung ab dem ersten Meter und der damit möglichen Schräglage wie Rossi & Co, weswegen wir jetzt nur noch Gauloises rauchen, obwohl Rossi strikter Nichtraucher ist.

 

Oder fahren wir Motorrad um zu schrauben? Immer etwas zu tun zu haben, weil es doch so wichtig ist. Die Braut tratscht schließlich auch immer mit ihren Freundinnen wegen neuer Düfte, neuer Cremes, wegen neuer Wäsche (hoffentlich nur schwarz), wegen neuer Schuhe (hoffentlich hoch). Also müssen wir Männer etwas sinnvolleres tun, das sowieso deswegen sinnvoller ist, weil es ja „um Sicherheit geht auf zwei Rädern, die wo sowieso so im argen liegt“, sagt Helmut, und der ist Bayer. Wer schraubt, baut keine Unfälle. Recht hat er!

 

Also brauchen Helmut und ich immer neue Nüsse und Drehmomentschlüssel, Ring-Gabelschlüssel mit klappbaren 12-kant-Enden, Verlängerungen und Zwischenstücke, gefräste und eloxierte Ölfilterschlüssel und diesen irren Satz mattschwarzer Torxschlüssel mit kleiner mattsilberner Rätsche, mit denen man so rasch die Verkleidungsschrauben aus- und wieder eindrehen kann, der muss natürlich auch noch sein. Wir bestellen immer nur bei Hazet, weil uns Snap-on nicht nur zu teuer ist, sondern auch zu poliert – mit öligen Fingern lässt sich ein angerauter, mattverchromter Hazet einfach besser handeln als ein glitschiger Snap-on.

 



Sinnvolle Beschäftigung für...




echte Männer!


Und damit zerlegen wir unsere BMWs, Ducatis, Hondas, Kawasakis, Suzukis und Yamahas, dringen in ihre Eingeweide ein und reißen ihnen all ihre Zündkerzen und Ölfilter und Schaltgabeln und Radlager aus dem Leib, dass die auf unsere Hebebühne fallenden Muttern und Schrauben und Unterlegscheiben nur so spladatteren. Das aufklatschende Geräusch einer dicken Mutter reißt und aus dem Schrauberwahn: „Aufräumen“ befielt das Großhirn, weil dieses, so haben wir mal in einem Buch unserer Braut gelesen, das sie neben der Badewanne liegen hat, für die Ratio zuständig ist.

 

Nach dem Aufräumen beschließen wir, etwas sinnvolles zu tun, einen Ölwechsel zum Beispiel. Den CNC-gefrästen und blassblau eloxierten Ölfilterschlüssel von Schüller an- und den neuen 17er-Ringschlüssel aufgesetzt, der Ölfilter geht prima auf. Halt, zuerst die Ölablassschraube öffnen und ausschrauben, schreiben wir immer in unseren Artikeln für die Motorrad-Reparaturanleitungen, weil man es darin ja richtig macht, Vorbild nicht nur sein will, sondern auch ist. Wir setzen die neue 19er-Nuss unten an und stutzen – irgendwie ist die Ölablassschraube schräg eingedreht. Aha. Daher der kleine Ölfleck, der uns mit der Ducati 916 bei den Posingpausen auf dem Weg von A nach B und zurück nach A immer begleitete!

 

Wir machen Pause und diskutieren: Garantiefall beim Händler anmelden? Ein neues Motorgehäuse müsste bei Ducati schon drin sein, schließlich ist das der erste Ölwechsel, aber den hätten wir beim Händler machen sollen, von wegen „Erhalt der zweijährigen Euro-Garantie“. Mit Stempel im Fahrerhandbuch und so. Kostet zwischen 250 und 500 Euro, so eine Inspektion bei einer Vierventil-Ducati, mit Ventileinstellen mehr als 1000 Euro, das können wir doch selbst, für was haben wir eine beleuchteten Hazet-Werkzeugwand mit allem, was der Biker in seiner Schrauberbude braucht. Gefräste und eloxierte Ölfilterschlüssel zum Beispiel. Und schwarze Torxschlüssel.

 

Aber an der Werkzeugwand hängt leider kein neues Motorgehäuse, weil doch unsere schief sitzende Ölablassschraube ein solches erfordern würde. Im Ernstfall. Im Garantiefall. „Helmut“, höre ich mich sagen, „sollen wir mal nach den Mädels sehen?“ Doch jetzt hat ihn endgültig die Wut des zähen, sich selbst suchenden Schraubers gepackt: „Vergiss die Mädels, bring’ endlich a Heli-Coil, dös mach’ ma wieder ganz!“

 

Und so drehen wir die Ölablassschraube mitsamt dem Rest der zerbröselten Gewindewendel aus, lassen das alte Öl ab, bohren das zerstörte Gewinde aus, drehen ein Heli-Coil ein, füllen neues Shell Advance ein, vollsynthetisch natürlich, bauen die Zündkerzen wieder ein, schrauben die Verkleidung wieder an und machen zwei Stunden nach Mitternacht unsere Probefahrt: Ganz zügig von A nach B und auf dem kurvenreichsten Weg zurück nach A. Ohne Espressobar, ohne Spinnerbrücke. Ohne Eiscafe. Die Warmduscher sind schon zuhause.

 

Weil sich unsere Mädels immer noch nicht entschieden haben für die Farbe ihrer neuen Wunschwäsche oder die Höhe der neuen Slippers, trollen wir uns in die Werkstatt zurück. Weil die Mädels noch nicht mal bemerkt haben, dass wir eine Weile weg waren, trinken wir noch ein Bier auf unseren Ölwechsel und setzen uns in Blickrichtung auf die beleuchtete Hazet-Werkzeugwand.

 

Endgültig zu spät wird es, als auch noch unser Nachbar, den wir immer „Signore Grappa“ nennen und der angeblich aus der Emilia Romagna stammt, zu uns stößt. Im Wahn des alles-wird-besser-Schraubers bedanken wir uns im Zuge der nächsten Gauloise bei Luigi oder Giorgio oder Mario oder wie immer der Typ hieß, der vor ein paar Monaten im Ducati-Werk in der Borgio Panigale die Ölablassschraube schräg eingedreht hat: „Danke Mario, du Murkser, du hast uns einen schönen Abend beschert“.

 

Ob unserer Mädels schon im Bett sind? Dazu legen würden wir uns ja schon gerne. Trinken wir zuerst noch ein Bier, einen Grappe und rauchen wir die letzte Gauloises dazu.

 

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