Illustration
25/08 2005:

Anneau's Eleven

Zwei Mädels und acht Jungs überredeten Mini Koch von MOTORRAD dazu mit ihnen auf die Rennstrecke von Anneau zu gehen. Dazu gibt es zwei Storys. Eine erschienen in MOTORRAD, Ausgabe 15/2005 "Wir sind Helden". Und die wahre Geschichte. Exklusiv von Steven Flier,
alias Mr S von www.speeding.de: die Geschichte ĂĽber einen unglaublichen Coup ;-)

 


Mr S: "Wir brauchen einen Jedi, einen Don, einen Skyscraper, ein Leitplankengirl, einen Quick Nick, einen Orangne und die beste Blondine seit Marylin."

 

Lila: "Mmmmhmmm?"

 

Mr S: "Du möchtest noch einen? – Ok. Du bekommst noch einen.

Einen Boogeyman."

 

Lila: "Nnnnhh."

 

Mr S: "Nicht gut? – Ok, dann einen Samurai."

 

Lila: "Könnte funktionieren."

 

Mr S: "Wer bringt uns rein und wieder raus? - Lebend."

 

Lila: "Wer hat am meisten zu gewinnen...?"

 

Mr S: "Ahhh... – Mini."

 

Lila: "Mini."

 

Mr S: "Wird nicht einfach ihn zu ködern."

 

Lila: "Ist es das je?"

 

So oder ähnlich hat sich im Dezember 2004, um 2 Uhr morgens, die Unterhaltung in einer Möhringer Kneipe zugetragen. 1000 m Luftlinie zur Stuttgarter Geld-Spiel- wiese, dem Casino. Die Jackies waren getrunken, das Feuer gelegt und zwei der coolsten Kerle des schwäbischen Hinterlandes machten sich auf das Eisen zu schmieden. Es sollte noch knapp ein halbes Jahr dauern. Am 19. Mai 2005 war es dann soweit: Anneaus Eleven.

 

 

 

Die Idee

Alten Männern wird in unserer Zeit schnell klar das die Optionen noch einen großen Wurf zu bringen, langsam zur Neige gehen. Auf der Hausstrecke fangen 24 jährige mit Gixxern an, einen im Rückspiegel zu nerven und die in jungen Jahren erworbenen Pokale liegen gut verpackt im Keller. Dazu lebt ein Italiener mit Kraushaarfrisur und 70er Koteletten den Traum der eigenen Jugend und Unsterblichkeit.

 

Ob man sich nun vor einer Bewährungskommission herausredet oder die letzten 15 Jahre die Ohren angelegt und dem System angepasst hat, das Resultat ist ähnlich: Andy Warhol’s Axiom der "berühmten 15 Minuten" hat einen rein und unbefleckt, ohne weißen Taubenschiss auf der Schulter, überflogen.

 

Alte Männer kommen in Krisenzeiten, also ab 30, spätestens ab 40 auf unsinnige Ideen. Der Vorteil an unsinnigen Ideen ist: um zwei Uhr morgens grinsen diese Ideen ziemlich fett in die Runde und George Clooney sieht dabei im golden glitzernden Spiegel eines Glases Jackie ziemlich nach Milchbubi aus.

 

Clooney, Pitt, Cruise - vergiss sie. Pfeifen. Noch dazu arbeiten sie nach Drehbuch. Echte Kerle entwickeln einen eigenen NO-Fucking-Spielberg-Plan, ziehen ihn durch und zeigen der Welt wie es geht. 15 Minuten. Wie viel ist das in Seiten? Fünf, vielleicht sechs. Ok, fünf Seiten Ruhm, inklusive Fotos. Kein Vegas Casino, keine Kabelsalatstunt à la Mission Impossible. Fünf Seiten Asphaltkratzen und Hanging Off. Fünf Seiten über einen Haufen von Tränen die über einen Rennstreckenkurs bügeln – das werden sie jedenfalls glauben. Und das es ihre Idee war.

 

Wir werden sie beschwatzen. Ihnen Honig ums Maul schmieren. Sie werden glĂĽcklich sein wie ein Fisch mit vier Neunen auf der Hand und nicht merken, dass sie von einem Royal Flush abgezockt werden. Die armen Jungs von MOTORRAD. Sie werden keine Ahnung haben. Bis das Ding in unserem Briefkasten liegt.

 



Das Team

Es ist einer der Klassiker: Country-Blonde in Trouble. Bis in die 60er in Vegas und Reno ein beliebter Trick um Touristen mit einem 50 Cent Ohrring um ein paar hundert Bucks abzuzocken. Wir wandelten ihn zum Thema und den modernen Zeiten passend um: kleines, schwarzhaariges Mädchen mit großer, böser Kawa in Panik vor ihrem ersten Rennstreckentraining.

 

Wir legten zusammen und schenkten unserem Leitplankengirl zum Geburtstag einen Rennstreckengutschein. Offener Termin mit Wunschziel Hockenheim. Ihre Begeisterung hielt sich, wie erwartet, in Grenzen. Bis kurz vor dem Tag X hatte sie keine Ahnung um was es eigentlich wirklich ging und spielte somit ihre Rolle perfekt. Die schmalen Lippen die sie uns am Tag der Wahrheit schenkte, machten einer Zicke vom Schlage einer Julia Roberts echte Konkurrenz. Sorry Babe, aber du warst echt gut in deiner Rolle.

 

Wir wussten, das reicht nicht aus um die Redaktion von MOTORRAD aus der Reserve zu locken. Die Angst vor den schmerzhaften Stöckelabsätzen und Leserbriefen der ‚Woman on Wheels’ sitzt ihnen zu tief im Nackenhöcker. Wir benötigten ein paar Gesichter und Lebensläufe die die Redakteure um unser Leitplankengirl herum bauen konnten. Um jeden Eindruck von No-Poltical-
Correctness ihrerseits auszuschlieĂźen. Wir brauchten ein paar echte Schwarz-
wald-Angas-Teufel, gesegnet mit Engelsgesichtern.

 

Kerle die selbst mit Lederkombi und angeschliffenen Pads auf dem Sofa der zukünftigen Schwiegermutter noch eine gute Figur machen. Kerle mit geputzten Fingernägeln, die den Zucker mit der Zange aus dem Döschen befreien und mit ihrem strahlenden Mel Gibson Lächeln jeden aufkeimenden Verdacht an die Wand spielen können. Kerle, deren wahren Charakter erst dann erkennbar wird, wenn sie dir ein letztes Grinsen unter dem Helm schenken. Ein Grinsen das nach verbranntem Gummi mit einem Hauch von Schwefel riecht - Temposünder reinstes Wasser.

 

Und dazu Gunsmith Blondie, die perfekte Marylin. Ein strahlender Blickfang der sich tapsig, schnurrend und irritierend durch das Fahrerlager, all der Heizdecken- und 46-Fan-Artikel-Träger, bewegen würde. Immer bereit vor der Linse des Fotografen aufzutreten wenn es für uns eng zu werden drohte. Sie würde unseren Gegnern warm ums Herz werden lassen und dieses danach mit ihren Krallen herausreißen. Ein echtes Loveblonde.

 

 

 

Die Ăśberredung

Lila quatschte und fuhr um sein Leben. Er schliff, schmeichelte und verführte Mini in der Schattenkurve. Er erfand mehr Schwachsinn um das wackelnde Fahrwerk seiner Tarantel (Streetfighter GSXR 1100 in der wunderschönen Farbe Lila!) als ein Kuckuck Eier in fremde Nester unterbringen kann. Ungezählte abendliche Auftritte in Mini’s Garage zur Fahrwerksoptimierung und optimalen Reifenwahl waren der Lohn. Und immer wieder die beiläufige Erwähnung des geplanten Rennstreckentrainings mit all den ängstlichen Landstraßen-Kaninchen die draußen im Schwarzwald auf dem Asphalt kauern und dringend der Rettung bedurften.

 

Im Frühjahr war es endlich soweit. Der Bär griff beherzt in den lieblich duftenden Honigtopf: mit einem väterlichen Lächeln auf den Lippen verkündete Mini, er würde uns als Instruktor begleiten und MOTORRAD würde einen Redakteur und Fotografen abstellen und über uns eine Story bringen. Das sei doch eine tolle Idee...

 

MOTORRAD hatte den Köder geschluckt. Wir hatten sie am Haken; einen der besten Testfahrer abgegriffen und ‚unsere’ Story. Das Leuchtfeuer in unseren Augen strafte unser Bubi-Lächeln lügen.

 

Und dann verwandelte sich unsere fetter Karpfen urplötzlich in einen ausgewachsenen Hai: Mini legte uns seine Hände auf die Schultern und erklärte uns freundlich aber bestimmt, dass er sich um die restliche Organisation des Trainings, den Papierkram UND die Gruppeneinteilung bei Speer-Racing kümmern würde. Er entließ uns mit dem Satz: "Ach ja, übrigens es geht nach Anneau, nicht nach Hockenheim. Auch eine nette Strecke."

 

In mir schrillten alle DEFCON-Red Alarmglocken los, kannte ich doch Anneau und Speer-Racing aus meiner Vergangenheit zu genĂĽge:

 

Anneau: Klein, winkelig und vollgestopft mit miesen glatten Stellen. 50 cm neben der Ideallinie in der 200°-Rechts und das Herausbeschleunigen auf die lange Gerade endet für dich auf dem drei Meter Grünstreifen und danach in der Leitplanke.

 

Speer-Racing: GrĂĽne Gruppe (Krabbelgruppe); mit Instruktor. Gelbe Gruppe; schnelle, sportliche Fahrer. Rote Gruppe; Speer-Cup-Fahrer und Wahnsinnige.

 

Mini hatte uns reingebracht, aber er hatte scheinbar nicht vor uns alle wieder raus zu bringen. Er wollte ‚seine’ Story. Eine gute Story. Eine Story mit hübschen Mädels, einem Quäntchen Blut, Tränen und Kaltverformung. Die Leser würden uns lieben.

 

 

 

Die Vorbereitung

Schwarzwald und Dolomiten-Heizer brauchen keine lange Vorbereitung. Eine Highspeed Nagoldtal-Session um 7 Uhr früh wird nicht mit Heizdecken angegangen und die Fahrwerks-Abstimmung muss danach auch für das Korkenziehergewinde und SuperMoto-Jagdgebiet der ‚Rote Lache’ passen.

 

Unser Leitplankengirl zog Informationen über Anneau aus dem Internet* und wir studierten fleißig die PS-‚Barthline’** um Mini und seine Redaktion an der langen Leine zu halten. Das winkelige Durcheinander im Infield würde unserer Fahrweise zu Gute kommen und den 34 PS von Gunsmith Blondie. Ihr Kampfgewicht von knapp 50 kg müsste theoretisch ausreichen um auf der langen Gerade den notwendigen Speed aufzubauen. Für sie war Anneau Hockenheim eindeutig vorzuziehen. Knackpunkte für uns alle, blieben der ‚Flic-Flac’, die darauf folgende 200°-Rechts und der Anbremspunkt zur ‚Fahrerlager-Kurve’ nach der ‚Schnellen Rechts’.

 

Die Reifenwahl viel eindeutig zu Gunsten des Michelin Pilot Power aus. Hatte dieser den meisten von uns in der letzten Saison gute Dienste und Haftungsreserven geboten.

 

Das beladen der Transporter und Hänger, bei den meisten Amateur-Trainings-Heizern mit dem logistischen Aufwand einer Everest-Expedition verbunden, lösten wir am Abend vorher. Die Mopeds wurden verladen, Lederkombis, Helme und Werkzeug in Presspackung und - fertig.

 



Anneau

Am 19. Mai 2005 empfing uns Anneau du Rhin mit dem besten was eine Rennstrecke zu bieten hatte. Blauer Himmel und Sonne satt. Um 8.00 Uhr früh drängelten wir uns mit unseren Transportern und Hängern, zusammen mit Dutzenden von anderen Anhängern des Asphalt-Glaubens, durch die enge Gasse Richtung Fahrerlager. Alles sah nach einem perfekten Tag aus, der uns zum Ende hin mit Ruhm bedecken würde – hofften wir.

 

Ein paar Minuten später wurde die Luft dann schlagartig dünner und ein eisiger Hauch wehte uns aus dem Zelt der Fahreranmeldung entgegen und ließ unsere Nackenhaare kräuseln. Vier von uns waren in der roten Gruppe gemeldet. Mini grinste über beide Ohren. Der Hai zeigte die Zähne.

 

Unsere Parole hieß immer noch: Zero Verluste. Raus auf die Strecke, eine gute Figur machen und wieder reinkommen. Ganz einfach – und übrigens: wir pissen Eiswürfel. Freiwillige waren schnell gefunden: Meine Wenigkeit, Lila, Quick Nick und Orangne. Der Rest würde sich mit Mini als Instruktor an die Ideallinie herantasten. Wir waren immer noch auf der sicheren Seite.

 

Die Rollen waren verteilt. Trotzdem entwickelte sich auch bei uns das ĂĽbliche Pre-Racetrack-Chaos. Bestehend aus abkleben der Spiegel, Blinker und Lichter, anbringen der Startnummer, einstellen des korrekten Reifendrucks und dem Fahrerbriefing.

 

Herbert Speer, Veranstalter und Instruktor, genannt Hebbe, platzierte seine knappen 160 cm auf einer Bierbank über der gesamten Racer-Truppe, zwirbelte an seinem Wilhelmsbärtchen und beglückwünschte uns zu unserer vortrefflichen Wahl dieses Training gewählt zu haben. Er freute sich uns alle zu sehen, lockte mit der Erwähnung von Reifen, edlen Ersatzteilen und T-Shirts und erklärte uns die auf der Strecke geltende Flaggenparade. Danach fand er ein paar unsere Mägen beruhigende Worte ohne dabei aber den leicht warnenden Hinweis auf seinen Transporter (Schrottlisl) und die französische Hospiz zu vergessen. Er wünsche uns viel Spaß und ein faires fahren. Applaus, Applaus.

 

Die Kontrolle des Reifendrucks ließ unseren, über viele harte Landstraßenjahre antrainierten, Coolnessfaktor 10 beinahe auffliegen. Wir standen etwas ratlos vor der Funktionsweise des vom anwesenden Reifendienst zur Verfügung gestellten Kompressors. Keine zwei Knöpfe, Plus und Minus, sondern nur ein verdammter Hebel. Zog man diesen, presste sich noch mehr Luft in die Reifen. Die Antwort wie Luft abgelassen werden konnte, blieb ein Geheimnis. Glücklicherweise stellten sich ein paar Schweizer mit ihren R1 und ZX 10 R auch nicht cleverer an. Wir ließen ihnen freundlicherweise den Vortritt und lasen aus den Augenwinkeln die Lippenbewegungen des auf der LKW-Laderampe thronenden Mechanikers ab, der die verzweifelten Bemühungen der Berggämsen ihren Reifendruck korrekt einzustellen mit hochgezogener Augenbraue über längere Zeit verfolgte. Den Hebel nur leicht nach oben ziehen war die Antwort. Dankeschön. Lässig griffen wir nach den Armaturen. Die Gämsen trollten sich geschlagen, zurück auf ihre Geröllhalden.

 

Die Zeit lief uns davon. Die Rote Gruppe hatte ihren ersten Turn schon länger begonnen. Lila und ich hetzten ihnen hinterher. Doch vor der Einfahrt lauerte die letzte, Anneau typische Hürde: der 98 dB Soundcheck. Lila hatte sich von Big Lugi extra dessen leicht gestopften Schüle-Endtopf ‚ausgeliehen’. Die Franzosen zeigten sich gnädig und hielten das Messgerät in kontrolliertem, defensivem Abstand. Ich selbst kam ebenfalls mit einem etwas missbilligenden Blick der Soundcheck-Police davon. Meine etwas verbeulter und angeschlagener Original-SRAD-Endtopf hörte sich doch mehr als nur leicht ausgebrannt an. Vielleicht halfen aber auch die Tiefflieger der französischen Luftwaffe die immer mal wieder einen gezielten Bombenabwurf über Anneau übten. Worüber sich die Nachbarn dieser Rennstrecke wohl mehr beschweren: die Lautstärke von 2- und 4-rädrigen Renngeräten oder, dass sie ein eindeutig terroristisches Nest und somit ein mögliches Angriffsziel der NATO darstellen?

 

Raus auf die Strecke. Und sofort wieder rein. Die roten Flaggen begrüßten uns gleich nach dem Eintritt. Der erste Turn war schon vorbei, bevor wir auch nur an der Linie schnuppern konnten. Ein guter Start sieht anders aus! Bei der Rückkehr ins Fahrerlager wurde mir klar, dass unser Team Nervenstärke zeigte. Quick Nick und Orangne zogen im Gewühl der gelben Gruppe unerkannt auf die Strecke hinaus. Ich überlegte nicht lange und tat es ihnen gleich.

 

Es erwarteten uns perfekte Bedingungen. Die fahrerischen Qualitäten der anderen Teilnehmer hielten sich Rahmen. Jeder tastete sich langsam an die Strecke heran. Routinierte Straßenheizer, immer auf böse Überraschungen gefasst, bei der Arbeit. Dies gibt einem selbst ein sicheres Gefühl und lässt genug Konzentration übrig um die Linie korrekt zu finden.

 

Es gibt nichts Schlimmeres als als Rennstreckenneuling oder Wiedereinsteiger im Kreisverkehr in den ersten Antastrunden links und rechts ausgebremst zu werden. Der gewohnte informative Blick in den Rückspiegel weicht dem Gefühl eines Eiswürfel im Nacken, dass hinter einem gerade eine Linie angesetzt wird die nun so gar nicht zur eigenen passen will. Für jeden zahlt es sich aus die Ideallinie in der Theorie zu studieren. Für einen Rennstrecken-Einsteiger ist diese aber nicht das erste Maß der Dinge. Er muss sich zuerst an das rein nach vorne orientierte Fahren gewöhnen und mit dem puren Überraschungsmoment klarkommen wenn er, für seine Begriffe recht schräg und schnell, plötzlich ein fremdes Vorderrad neben sich aufkommen sieht. Dieser, ohne Rückspiegel-Vorankündigung, auftretende Moment macht jeden Anfänger mehr als unsicher und verleitet gerne zu Fahrfehlern der gemeinen Sorte. Die da wären z. B.: Die Kiste erschreckt aufrichten und Richtung äußeren Grünstreifen abgehen. Oder für Eisenbeißer: das Messer zwischen die Zähne und folgen wollen. Dumm nur, dass der Speer-Cup-Fahrer vor einem tatsächlich einen Weit-weit-hinten-Bremspunkt hat, der einen selbst, stand pede, ins Kiesbett verfrachtet. In der Hoffnung das dort eines ist. Wir befinden uns auf einem Micky Maus Kurs in Frankreich - schon vergessen?

 

Wilde Kerle der Fraktion ‚Freies fahren für alle’ mögen mir hier widersprechen. Bei einem Renntraining sehe ich persönlich aber den Spaß an der Schräglage und der Geschwindigkeit VOR der optimalen Rundenzeit. Letztere ergibt sich mit der Anzahl von Runden und Trainings. Mit einem zerstörten Motorrad gibt es weder Spaß noch die Möglichkeit sich zu verbessern.

 



Der gelbe Turn bereitete uns recht gut vor. Zeigte er uns doch, dass das Anneau-Infield mehr als tricky ist. Kommt man aus der Fahrerlager-Kurve etwas falsch heraus, vermasselt man sich die folgende Rechts-Links-Kombination. Was man hier verliert, kann man in der Waldkurve und der 180°-Rechts kaum mehr gut machen. Was dieser Turn uns nicht zeigte, waren die zu fahrenden möglichen Geschwindigkeiten im Flic-Flac, das Gas stehen lassen in der Schnellen-Rechts und die Gefahren die in der 200°-Rechts lauern. Frei nach unserem Jedi, Obi Wan, später getauft als Todesstern von Anneau. Wieder im Fahrerlager sonnten wir uns in unserer Zufriedenheit und Selbstsicherheit. Wir waren gut unterwegs gewesen und bewegten uns aufwärts. Helden der Strecke - Weit am Horizont zeigte sich eine Rückenflosse.

 

Für unsere ‚Krabbelgruppe’ kam jetzt die Stunde der Wahrheit. Manche hatten die Gelegenheit genutzt den Anflug der roten und gelben Truppe auf dem Bremspunkt Fahrerlager-Kurve zu beobachten und zogen mit sehr gemischten Gefühlen die farblich mehr als dekorativen Instruktoren-Westen über. Das Neon-Grün überdeckte manch bleichen Gesichtszug. Der Blick den unser Leitplankengirl Lila zuwarf, sprach mehr als Bände. ‚Warum nicht einfach ein hübscher Ohrring oder eine Halskette? Dreckskerl.’ Lila konnte es allerdings nicht deutlich sehen. Er befand sich, wieder mal, auf dem Weg zum zweitwichtigsten Ort von Anneau. Der Toilette.

 

Sie machten es wirklich gut. Mini schliff sie von Anfang an mit der Qualität eines guten Hirtenhundes, der seine Schäfchen beisammen hält. Einzig unsere Blondie machte uns Sorgen. Wir konnten deutlich sehen das sie Probleme hatte. Hier zeigte sich der Unterschied zwischen Straße und Rennstrecke deutlich. Blondie, auf der Landstraße mit der Angrifflust eines Pitbulls im niedlichen Yorksheer-Terrier-Schleifchen-Outfit getarnt, und damit manchen Gixxer-Treiber zur Verzweiflung bringend, hatte mit ihren gut im Futter stehenden 34 PS auf den Geraden keine Chance. Was sich auf der Landstraße als schnell und wider der StVO darstellt, ist für die Rennstrecke absolut kein Maß der Dinge.

 

Zudem kämpfte sie in den Kurven mit dem Wissen um den abgefahrenen Zustand ihres Vorderradreifens. Dieser war von Mini und mir schon am frühen morgen mit zweifelnden Blicken bedacht worden. Mehr als ein ‚Wird schon gut gehen’ blieb uns beiden nicht zu sagen. Blondie kämpfte tapfer, doch ihre Schräglagen scheuten jeden Vergleich zu denen welche wir von ihr schon auf der Straße gesehen hatten. Das Ende des Turns zauberte bei allen anderen ein fettes Grinsen aufs Gesicht. Mit, bei manchem, leicht zitternden Händen wurden die Helme abgezogen und rote Bäckchen gezeigt. Wir lagen im Plan.

 

MOTORRAD hatte uns einen Fotografen, Markus Jahn, und einen Redakteur, Michael Orth, zur Seite gestellt. Von Markus Jahn waren wir kaum überrascht. Er zeigte sich als braungebrannter Sunnyboy, immer bereit die Gelegenheit zu Nutzen ein Playmate durch ein laut schallendes ‚Action Baby’ zu etwas mehr Freizügigkeit zu bewegen oder hinter einer Mauer in Kabul abzutauchen und mit der Kamera auf einen Straßenkampf zu halten. Gratulation Markus, du hast deinen Robert Capa*** gut studiert :-) Die Lässigkeit mit der er sein ‚riesen Rohr’ (Ok, ok. Fotografen kennen ‚alle’ Viagra-Witze) von Teleobjektiv, von uns fast unbemerkt, hin und her schwang, brachte uns tolle Fotos der Erinnerung und ‚fast’ perfekte Schräglagenbilder. Sein lächelnd formulierter Satz: „Wenn du auf dem Foto nicht schräg aussiehst, liegt es nicht an mir sondern an dir“, klingelt mir jetzt noch in den Ohren.

 

Michael Orth widerrum überraschte die meisten von uns. Keine Ahnung was wir erwartet hatten. Einen ‚toughen’ 190zig Kerl in Cowboyboots, zerissenen Jeans und Lederjacke? Einen wilden Hund der alles schon gesehen und er’fahren’ hatte? Was wir vorfanden sah ein bisserl nach 21tem Jahrhundert Columbo in leicht zerknitternden Go-4-Bagdad-Outfit aus. Wie dieser folgte er uns unauffällig auf Schritt und Tritt. Notierte und analysierte dabei unsere Gespräche und unsere Körpersprache. Im Gegensatz zu seinem ‚vielleicht’ Vorbild wusste er aber immer in welcher Tasche sich sein Notizblock und sein Bleistift gerade befanden. Notizblock und Bleistift? Kein Notebook, Mini-Aufnahmegerät, verstecktes Mikrofon? Nichts davon. Mit sanften Augen und leiser Stimme zog er uns in seinen Bann und wir öffneten unsere Seelen und füllten mit Freude seinen Notizblock. Ka, die Schlange, hätte noch was von ihm lernen können ;-)

 

Die beiden haben einen tollen Job gemacht. Sie ließen uns an der sehr langen Leine, so dass wir sie kaum bemerkten. Für’s nächste mal sind wir darauf vorbereitet.

 



Was wir sehr schnell bemerkten: die Geschwindigkeiten und gefahrenen Schräglagen hatten sich unter Rot, im Vergleich zu Gelb, potenzial erhöht. Hier waren wir eindeutig mehr Opfer als Gegner. Wir mussten sehr schnell lernen. Der Flic Flac ging mit zügigem, leichtem Umwechseln auch ohne vom Gas zu gehen und die Schnelle-Rechts vertrug eindeutig mehr als wir bisher gegeben hatten. Und die 200°-Rechts ist eine süße Falle. Du zirkelst vom Innen-Curb hinaus in den weiten Raum welchen dir den Anfang der Geraden vorspielt. Die Zeit wird lang auf dem Weg zu den Aussen-Curbs und du möchtest das Gas aufreißen. Doch die 200°-Rechts verzeiht kein hartes Beschleunigen in starker Schräglage. Raus Richtung Curbs, aufrichten und dann erst volles Rohr. Das ist der richtige Weg. Alles andere endet für die meisten im Gebüsch.

 

Orangne ging ihr in die Falle. Mitten im zweiten roten Turn fehlte er. Die rote Flaggenparade erschien weit vor dem offiziellen Abwinken und die Schrottlisl machte sich auf den Weg. Orangne hatte sich durch das Fahren im gelben Turn zu sehr in Sicherheit wiegen lassen. Der Todesstern von Anneau hatte sich gezeigt.

 

Unser Zero-Verluste-Plan war nicht aufgegangen. Schlimmer noch: zu einem mehr als frühen Zeitpunkt hatte sich ein Teammitglied verabschiedet. Orangnes ZXR war an der Strecke nicht mehr reparabel. Er selbst kam glücklicherweise mit einer zerissenen Kombi davon. Mini grinste: ‚That’s Racing’. Für kein Sturzopfer gibt es dafür die passende Antwort. Michael Orth zückte sein Notizbuch und Markus Jahn schwenkte sein Objektiv. Die Story nahm Formen an.

 

Die ‚Krabbelgruppe’ legte deutlich Speed zu. Mini’s magische Kochkünste beruhigten Blondies Fahrwerk. Auf der Geraden sah sie immer noch kein Land aber in den Kurven zeigte sie jetzt was in ihr steckte. Auch ihr Vorderreifen schien beeindruckt. Nach dem zweiten Turn sah er besser aus als vorher. Nur Mini kniff die Augen etwas zusammen als er die Wahrheit über Blondies Pferdestärken erfuhr.

 

Blondie verbreitete im Fahrerlager gute Laune und irritierte mit offener blonder Mähne, wie geplant, die Heizkissen-Liebhaber der Roten Gruppe. Der Don und Skyscraper ließen sich über Schräglagentheorien aus, die endlich die Angstnippel ihrer Apprilias zum schmelzen bringen würden. Der Samurai zog sein Gesicht in Falten und hielt Vorträge über die Vorzüge seines klassischen, Knie am Tank, Fahrstiles. Quick Nick machte sich Gedanken über die Leistung seiner VTR auf der Geraden, Obi Wan über die korrekte Jedi-Sitzhaltung auf seinem X-Wing. Das Leitplankengirl über Lederkombis die wie Presswürste sitzen. Orangne trug alles mit Fassung und legte sich in Sonne. Eine Sonne die langsam aber sicher Anneau in einen Hochofen verwandelte.

 

Nachdem Blondies Geheimnis um ihre PS-Zahl gelüftet worden war, zeigte Mini erneut seine Ich-bin-Großer-Weißer-Hai-Qualitäten. In einer kurzen und anrührenden Zeremonie, mit einer von Sarah Conner falsch gesungener Nationalhymne im Hintergrund, beförderte er Lila zum Hilfs-Instruktor auf Zeit. Er bekam die ehrenvolle Aufgabe unsere beiden Mädels über den Kurs zu führen. Mini selbst würde den verbleibenden X-Chromos-Rest mit ein bisserl mehr Schmackes auf die Bremspunkte zuführen. Die betroffenen X-Chromos hüllten sich in beredes Schweigen. Auch Lila zeigte sich ob der Verantwortung und den zu fahrenden Doppelschichten sichtlich beeindruckt und ging erst mal – pinkeln.

 

Der dritte Turn brachte keinerlei Probleme. Geschwindigkeit und Sicherheit stiegen an. In der Roten Gruppe arbeiteten wir uns langsam Richtung Mittelfeld vor und die Krabbelgruppen fingen an, an anderen vorbei zu ziehen. Anneaus Sonne strahlte auf uns herab und alles war gut. Bis zum vierten roten Turn.

 

Lila, Quick Nick und ich liefen auf eine Kawa auf. Der Junge war zwar zügig unterwegs, hatte aber die Ideallinie auch nicht gerade mit Löffeln gefressen. Lila schnappte ihn sich am Bremspunkt Fahrerlager-Kurve. Quick Nick und meine SRAD klebten durchs Infield in Radabstand an dem Kerl dran. Am Ende des Flic Flac zog dieser dann von rechts nach links in die Außenlinie der 200°-Rechts. Also dort, wo die Linie garantiert nicht zu finden ist. Quick Nick nahm die Linie zwar nicht perfekt, doch traf er den Scheitelpunkt der Kurve so halbwegs. Unser schwarzer Kawa-Ritter war mehr als verblüfft was er da plötzlich neben sich sah und riss den Hahn auf. Sein wedelndes Hinterrad sah dabei nach einer Menge Probleme für ihn aus. Quick Nick wusste um die Endpower-Schwäche seiner VTR auf der Geraden. Er wollte so früh wie möglich mit Speed-Überschuss in diese reindrängen um unserem Mitstreiter paroli bieten zu können.

 

Der Todestern kündigte sich nicht an. Er war einfach da. Fett, dunkel und böse. Quick Nicks Hinterrad schmierte beim Herausbeschleunigen nach links weg und er machte den Standard-Straßenfahrer-Highspeed-Fehler: er nahm zu schnell das Gas raus. Der Hinterradreifen seiner VTR verzahnte sich sofort mit dem Asphalt und keilte, durch den plötzlichen Aufstellmoment, sofort wieder nach rechts aus. Links. Rechts. Links. Rechts. Quick Nicks Arsch befand sich Millisekunden später in der offiziellen Highsider-Abflugsposition: ca. einen Meter über seiner Sitzbank und über dem Grün. Seine VTR zerlegte sich nach rechts abschmieren zurück auf die Fahrbahn und er selbst bohrte sich links in den Boden.

 

Und Mr S? Ich machte mir ziemlich in die Hosen und dachte für den Bruchteil von einer Sekunde an meinen letzten Krankenhaus-Aufenthalt und Kitty Boo’s schmerzhafte Tritte falls ich es nochmals vermasseln sollte.

 

Quick Nick’s VTR Umlaufbahn zurück Richtung Fahrbahn kreuzte genau meine Linie. Ausweichen nach rechts war keine Option mehr. Also zirkelte ich meine geliebte SRAD ebenfalls auf’s Grün. Im 10 cm Abstand Paralellflug zur Fahrbahn hielt ich sie auf Kurs, verfehlte den vor sich hin rollenden Quick Nick um einen Hauch und schoss zwischen ihm und seiner Honda mittig durch. Kilometerweit später kam ich zum stehen. Ich sah die Streckenposten rennen. Erste Regel auf dem Racetrack: Niemals mit dem Motorrad umdrehen, egal wie schlimm es ausgesehen hat. Ich fuhr zum Ausgang.

 



Quick Nick blieb am StĂĽck und wurde nicht mit einem Notarztwagen von der Strecke geholt. Er zeigte einen leicht angeschwollen FuĂź und die ĂĽblichen Post-Abflugs-Schmerzen. Seine VTR wies noch deutlichere Einschlagsspuren als Orangnes ZXR auf. Somit hatten wir unseren Plan grĂĽndlich in den Sand gesetzt. Noch einen Sturz konnten wir uns nicht leisten ohne zur Lachplatte der Motorradnation zu werden. Warhols 15 Minuten fingen an bitter zu schmecken und es lag noch ein langer Tag vor uns.

 

Wir rissen uns zusammen, blieben alle weiter am Gas und verbesserten uns. Die Krabbelgruppe lernte das fliegen und Lila und ich bewegten uns im oberen Mittelfeld der roten Gruppe. Nicht schlecht für zwei alte Schwarzwaldheizer. Doch das letzte Quäntchen Gas beim rausbeschleunigen und den letzten Zentimeter Richtung Curbs steckten wir beide weg in eine Schachtel und vergruben diese im Grün der 200°-Rechts. Das nächste mal, im Herbst, vielleicht.

 

Für unseren Fotografen reichte es allemal. Die Bilder des Nachmittages zeigten unser Team im besten Licht. Schräg und mit Spaß dabei. Als Heppe aber eine leicht gechoppte TL 1000 ebenfalls bei uns abladen wollte, hoben wir doch den Mittelfinger. Wir waren beileibe nicht die einzigen die seine Schrottlisl von der Strecke holen musste. Speziell die rote Gruppe dezimierte sich gegen Nachmittag um einige ihrer Helden. Wie der Zufall so spielt, flog nochmals einer vor mir ab. Diesmal in der Waldkurve. Doch dieser Bursche hielt sich an die Regeln. Maschine und Fahrer rein in den Acker und keine Kreiselspielchen auf der Fahrbahn. Brav.

 

Um 16.30 Uhr war Schluss fĂĽr uns. Jeder hatte fast zwei TankfĂĽllungen auf dem Track gelassen und mehr als nur ein paar Liter SchweiĂź. Es war Zeit die Siegeszigarren auszupacken. Wir hatten unseren Auftritt gehabt, Mini seine Story im Kasten und alles in allem sahen wir nicht schlecht dabei aus.

 

Quick Nick verlud seine Honda und Blondies R6 auf den Hänger, öffnete das Dach seines Cabrios und fuhr in Front unserer Transporter-Karawane mit Blondie an seiner Seite Richtung Heimat. ‚Wenn du schon abfliegst, dann bringe den Tag mit Stil zu Ende.’ Und wenn es um den Style beim Motorradfahren geht, gibt es kaum jemanden der mehr davon versteht als die Mädels und Jungs die dabei waren: Anneau's Eleven.

 

 

*Hier ein Link zu einer Website wo ein Typ Namens Bremsenix wirklich alles zusammengetragen hat was es ĂĽber Anneau zu wissen gibt. Das Team von Anneau's Eleven bedankt sich bei ihm hiermit fĂĽr diese tolle Materialsammlung.

 

**PS-Barthline – Die Zeitschrift PS veröffentlicht in unregelmäßigem Abstand die Ideallinien unterschiedlichster Rennstrecken. Diese werden kommentiert von Profi-Angaser Markus Barth. Beste Empfehlung zur Vorbereitung auf einen Racetrip.

 

***Robert Capa. Einer der berühmtesten Kriegsfotografen des 20. Jahrhunderts. Eine seiner berühmtesten Fotografien ist die des tödlichen getroffenen Regierungsfotografen im Spanischen Bürgerkrieg. 1944 nahm er an der Invasion der Alliierten in der Normandie teil und fotografierte die Landung am Omaha Beach. Diese Fotos dienten Steven Spielberg als Vorlage der Nachstellung dieser Schlacht in seinem Film ‚Der Soldat James Ryan“. Robert Capa starb 1954 in Indochina durch eine Mine.

 

 

Copyright by Steven Flier - www.speeding.de
Dort gibt es ĂĽbrigens noch mehr Aussagekräftige ;-) Bilder zu diesem Bericht.

 

 

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