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08/11 2005:

Leben in der Garage

Mit den SchÀtzchen in der Garage leben. Viele trÀumen davon. In Japan gibt es sogar eine Zeitschrift zu diesem Thema.

 

In Japan gibt es Dinge, die es sonstwo auf der Welt nicht gibt. Höfliche VerkĂ€uferinnen zum Beispiel. Rohen Fisch zum Abendessen. Geduldige Menschenschlangen vor Bankschaltern und auf Bahnsteigen. Friedliche Rocker auf lauten MotorrĂ€dern. Die vier bekanntesten Motorradmarken der Welt (Honda, Kawasaki, Suzuki, Yamaha), wovon Honda gleichzeitig der grĂ¶ĂŸte Motorradproduzent ĂŒberhaupt ist mit mehr als 12 Millionen StĂŒck im Jahr. Und sehr wenig Lebensraum pro Einwohner, denn trotz seiner GrĂ¶ĂŸe von 395.000 qkm bei 127 Millionen Einwohnern leben die Menschen auf engstem Raum, denn nur knapp zehn Prozent der FlĂ€che sind als Lebensraum nutzbar - der Rest ist Ackerland (15 %) und bewaldetes GelĂ€nde vulkanischen Ursprungs (69 %) und grĂ¶ĂŸtenteils unbegehbar.

 


In Japan lebt man deswegen in kleinsten Wohneinheiten, eng an eng aneinandergeschmiegt. Wer in einer Großstadt lebt und ein neues Auto kauft, muss eine Garage oder einen Abstellplatz vorweisen können, der im Monat um die 500 Euro Miete (oder mehr!) kostet. Was also Wunder, wenn japanische Motorrad- und Autofreaks sich den japanischen Fatalismus zu eigen machen und gleich in ihrer Garage bei ihren SchĂ€tzchen leben?

 

Und weil das so ist, gibt es auch eine Zeitschrift dazu, sie heißt "Garage Life": Viermal im Jahr kommt sie heraus in einer Auflage von 30.000 StĂŒck, 162 Seiten Umfang, gedruckt in 4/c und s/w auf wunderbar mattem, glatt gestrichenem Papier 120 g/qm, der Preis liegt bei 2000 Yen (ca. 15 Euro).

 

Der Inhalt beschĂ€ftigt sich, wie der Name schon sagt, mit Garagen, in denen sich MotorrĂ€der, Autos, FahrrĂ€der und Dekordevotionalien befinden, sowie dem Leben darin. NatĂŒrlich leben die Personen, deren Garagen in wunderschönen Bildern gezeigt und in japanischen Schriftzeichen beschrieben werden, nicht alle wirklich Tag und Nacht in ihren Garagen, aber manche schon: Zwischen und neben den Fahrzeugen sieht man Kochstellen und KleiderschrĂ€nke und EckbĂ€nke und Betten; auf manchen Bildern treiben sich Kinder und Frauen herum. Auf einem Bild ist gar direkt außerhalb der Garage, die ein großes Glastor hat, der beleuchtete Pool im Garten!

 



AuffĂ€llig ist auf allen Bildern, in welch gutem Zustand die RĂ€ume, die MotorrĂ€der und Autos sind. Die Garagen sind sauberst aufgerĂ€umt, an den WĂ€nden hĂ€ngen Bilder und Poster und Blechschilder. Das Werkzeug ist in fahrbaren Wagen von Snap-On untergebracht oder hĂ€ngt an großen Werkzeugtafeln an der Wand.

 

Alle auf den Bildern zu sehenden Fahrzeuge sind im Originalzustand, kaum Gammel, kein Schrott: Kawasaki 900 Z1 von 1972 neben einer Honda CB 750 von 1969, dazwischen ein aufgemotztes Honda Monkey, Ducati 916 von 1994 und eine Imola-Replica 750 SS von 1973, alle Arten von RD-Yamahas, Enduros aller Marken vergangener Zeiten, halbzerlegten Harleys, tolle BMW-MotorrÀder und -Autos, MG, Porsche und Lamborghini im Sammlerzustand. Der Japaner liebt eben seine eigene landestypische AuthentizitÀt - und ganz besonders das, was aus Deutschland, England und Italien kommt.

 



Und wenn er umbaut, etwa aus seiner Harley einen Chopper bastelt oder aus seiner 1969er Honda CB 750 ein klassisches Rennmotorrad macht, dann dĂŒrfen nur Teile daran geschraubt werden, die aus berĂŒhmten HĂ€usern stammen: Bei Choppern ist Arlen Ness ganz vorne und bei Rennteilen der knorrige japanische Ur-Tuningpapst Pops Yoshimura. FĂŒr eine Königswellen-Ducati gibt es nichts besseres als Teile von NCR (Nepoti Carrachi Racing, Bologna).

 

Die in einem solchen Magazin natĂŒrlich nötigen (und vom Verlag dringend benötigten!) Anzeigen machen rund 15 Prozent des Umfangs aus. Sie fĂŒgen sich harmonisch in das Gesamtlayout ein. Beworben werden neben FertighĂ€usern und Garagen vor allem solche Dinge, die der japanische Mann in der Garage braucht: Werkzeuge und Hilfsmittel, HebebĂŒhnen und Blechschilder, Arbeits- und Lifestyle-Kleidung.

 




Ich habe einige Ausgaben von "Garage Life" in meinem BĂŒcherregal stehen und hĂŒte sie wie einen Schatz, wenngleich sie schon ziemlich abgegriffen sind. Weil ich nach einer exzessiven Garagen-Schraubsession oft darin blĂ€ttere, ein kĂŒhles TannenzĂ€pfle in der einen und eine blaue Camel in der anderen Hand. Im CD-Player dreht sich Steppenwolfs "Easy Rider" und spĂ€testens bei "Bon to be wild" denke ich mir: Wie Ă€hnlich sind sich die Menschen der Welt im Bestreben, sich ihren Lebenstraum zu erfĂŒllen? Und: Was braucht ein Motorradfahrer mehr als eine Werkstatt, einen Werkzeugschrank und eine Ledercouch, auf der er seine TrĂ€ume leben, ihnen nachhĂ€ngen und neue planen kann? Fahrten durch weite Straßen auf der Harley, GipfelstĂŒrmen ĂŒber verwinkelte Passstrassen auf der BMW R 1100 GS, lauten und hektischen Rennen auf der Yamaha TZ und genĂŒsslichen Phonexzessen auf der Ducati. Und danach in die Garage, um den Tag sanft ausklingen und sich von der Liebsten spĂ€ter rufen zu lassen: "Schatz, Abendessen ist fertig!"

 

Idee: Vielleicht sollte man eine deutsche Zeitschrift aufmachen mit dem Titel "Garage Leben". FĂŒr alle, die zu viel Geld haben, und es beim Versuch ausgeben wollen, endlich einmal selbstbestimmender Verleger zu werden hier die Adresse des japanischen Verlags, sicherlich lĂ€sst er sich zu einer deutschen Lizenzausgabe ĂŒberreden: "Garage Life", Neko Publishing Co. LTD., 4-21-13 Himonia, Meguro-ku, Tokyo 152-8545, Japan.

 

Text: F.J. Schermer, Fotos: Sandra Hauber

 

 

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