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06/02 2006:

Claus Hämmer - it's only Rock'n Roll

Was Lederkombis und Rock’n Roll gemeinsam haben, kann nur einer erklären: Claus Hämmer, Gründer und Chef von Schwabenleder. F.J.Schermer portraitiert den eigenwilligen Lederhändler aus dem schwäbischen Remstal.


Ekstatisch ist die federnde und swingende Rhythmik, die der Rock'n Roll ("rollen und wiegen") von seinen afroamerikanischen Vorbildern entlieh. Legendär sind die Rock'n Roll-Shows von Bill Haley und Elvis Presley: Ihre furiosen Bühnenauftritte bestanden im wesentlichen aus lauter Musik und kreisenden Hüften. Mädchen kreischten vor Begeisterung, Jungs prügelten sich. Otto Moralverbraucher rief mit spitzer Empörung laut aus: Stoppt die Verführung Jugendlicher! Beendet den sinnlosen Lärm!

 

Die Gesellschaft in den 50er- und 60er-Jahren wackelte in ihren Grundfesten, denn die Jugend hatte ein Ventil gefunden, über das der Frust mit Eltern, Schule und spießigem Alltag abgelassen werden konnte. Es dauerte nicht lange, bis der Rock'n Roll trotz seines wilden Auftretens ein kommerzielles Phänomen und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor wurde – und er ist es bis heute geblieben.

 

Am 12. April 1954 nahm Bill Haley den ersten echten Rock’n Roll-Song auf: „Rock Around The Clock" war zwar als Teenager-Hymne gedacht, entfachte jedoch eine Kulturrevolte, die von Amerika aus um die ganze Welt ging.

 

22 Tage später, am 4. Mai 1954, wurde Claus Hämmer geboren. Auch er wurde ein Revoluzzer, denn er revolutionierte später die Welt der Lederkombis: Waren diese bis spät in die 80er Jahre nur mit Leder an den kritischen Stellen wie Hintern, Knie, Ellenbogen und Schultergelenk aufgedoppelt, so baute Claus Hämmer in die Gelenkstellen seiner „Schwabenleder“-Kombis Protektoren ein, die aus speziellem, energieabsorbierenden Schaum bestanden. Die Protektorenkombis war geboren, die Marke Schwabenleder steht als Synonym dafür – und heute machen das alle so.

 

Hämmer ist ein wilder Hund, wie echte Rock’n Roller eben so sind. Wer ihm begegnet, wenn Claus auf dem falschen Fuß steht, der tippt sich nach kurzer Zeit an die Stirn und denkt „der hat sie nicht alle!“. Übergossen von extrem schwäbischer Kleinunternehmerphilosophie wie zum Beispiel „Seelenfrieden ist ein in der Bilanz nicht messbare Größe!“ fällt es dem Zuhörer schwer, eigene Gedanken überhaupt zu fassen: „Hab’ i net recht?!“ ist der Stammsatz, mit dem Claus seine Sichtweise der Dinge beendet – aber nur, wenn er zufällig mal Luft holen muss.



Modernes Management ist ihm zuwider. „Marketing? Was isch des? Wie soll ein gedackelter Parfümvertreter wissen, wie gut es ist, wenn du mit vier Kumpels an der Pommesbude stehst und die Mopeds in der Sonne blitzen?!“ Seine Freude über Weizenbier drückt er so aus: „Freitagabends mit den Kumpels in der Werkstatt eine Hupe aufziehen, wenn einer sein altes Scheißhaus durch den TÜV gebracht hat!“ (Scheißhaus = altes Motorrad).

 

Dabei guckt er mit seinen treuen Dackelaugen direkt in seinen Gegenüber, blinzelt manchmal ein wenig, und es bleibt nichts anderes übrig, als „Ja!“ zu sagen. „Du woisch was i moin!” setzt er dann als vorläufigen Schlusspunkt dazu und zündet sich eine Zigarette an. Jetzt steht Claus wieder auf dem richtigen Fuß. Ist der Kunde nach Empfang der Nachrichten immer noch im Laden, dann hat er ihn am Wickel, steckt ihn in einen seiner auf Vorrat gefertigten Stangenkombis, tritt fünf Schritte zurück und begutachtet sein Werk und sagt meistens zufrieden: „Basst, kosch olasse (Übersetzung: „Die Lederkombis passt, du kannst sie gleich angezogen lassen“). Oder brüllt wie das HB-Männchen „I glaubsnet, was hosch du fura Figur, i muss dr oine uf Maß mache, des kriege mal noch bessa no“ (Was hast denn du für eine krumme Figur, ich mache dir eine auf Maß, das bekommen wir noch besser hin).

 

Bevor der Rock’n Roller Hämmer allerdings soweit war, dass er mit seinen Kunden, die übrigens alle freiwillig zu ihm kommen, so derb und ungefiltert umgehen konnte, legte er den steinigen Weg aller Jungunternehmer der 70er-Jahre zurück: Banken um einen Überziehungskredit von 6000 Mark anpumpen, kleine Holzbaracke mit Kohleofen als Laden haben, Kunden in den Laden locken, Ideen austüfteln: „Zum Glück habe ich Verlagskaufmann gelernt“ kramt er in seiner persönlichen Mottenkiste, „und konnte einigermaßen mit Geld umgehen. Kaufmann für Groß- und Außenhandel im Verlagswesen langweilte mich bald, ich wollte in die Motorradbranche, also ging ich 1976 als Verkäufer zu ECO-Kunstlederkombis. Aber das hatte keine Zukunft, also gründete ich am 7. Januar meine eigene Firma Schwabenleder in der kleinen Holzbaracke, zunächst als Vertretung für ‚ERBO-Lederkombis in Süddeutschland’. Doch schon im Oktober `78 gab’s die erste auf Maß gefertigte Schwabenleder-Kombi zum Preis von 459 Mark“ (heute ca. 230 Euro).“



Es folgten 1983 die Kombi „Tornado“ mit abriebfestem Kevlarfilz hinter den Polstern und 1986 die erste echte Protektorenkombi „Omega 1“ mit integrierten Protektoren. 1988 wurden die Protektoren integrierter Bestandteil des Schnitts, während sie bei Kombis anderer Marken noch immer in extra Taschen eingesteckt wurden. Rennfahrer wie Jochen Schmid (WM 250 und Superbike), Udo Mark (WM und Superbike), Ralf Waldmann (zweimal Vizeweltmeister 250er Klasse) und Jörg Teuchert (Weltmeister 600 Supersport) vertrauten auf Schwabenleder: „Wenn ein Rennfahrer oder auch ein normaler Kunde kommt und bringt eine total zerschossene Kombi (er selbst: lebend!), und es entsteht in deinem Bauch das Gefühl, dass Du einen vor schweren Verletzungen bewahrt hast, dann ist deine Arbeit gut gewesen. Beim Ansehen der zerschossenen Kombi weißt du dann, was du noch besser machen kannst“ – Claus setzt generell auf Verbesserung seiner Produkte aufgrund von Praxiserfahrungen.

 

Zum Motorrad kam Claus wie alle echten oder möchtegern-Rock’n Roller der 60er und 70er Jahre: Oma angepumpt, Prospekte für den örtlichen Supermarkt in Briefkästen gestopft, gebrauchte Kreidler Florett gekauft, im Pulk mit den Freunden losgefahren, Kurven gesucht: „Der Fahrtwind! Die Freiheit! Das Erlebnis! Alle wollten das gleiche Ding machen: Bissle rumrasen, dummes Zeug schwätzen, Bier trinken“ – ja Claus, Motorradfahren hat nur etwas mit sozialen Gemeinerlebnissen zu tun. „Die tun nix, die wollen nur trinken!“ steht auf einem großen Pin, den er und seine Kumpels an ihre Lederjacken stecken, wenn sie heute noch gemeinsam zur traditionellen OMA (Oldtimer-Männer-Ausfahrt) aufbrechen.



Nebenbei spielt er Gitarre in den Bands “Molchcombo” und „B14“. Seine Lieblingshits sind „All right now” (Free), “Sweet home Alabama (Lynnard Skinnard), „Honky tonk woman” (Stones), “Hello good by”, “Nowhere man” und “Get back” (alle Beatles), “Smoke on the water” (Deep Purple) und “Summer of 69” (Bryan Adams). Im hintersten Raum seiner Firma steht ein komplettes Equipement: Fender Stratocaster, Telecaster, Ovation 6 und 12 Strings, Martin 6 und 12 Strings sowie eine Rickenbacker 12 String, wie sie von Roger McGuinn (Birds) gespielt wurde, es gibt nur ganz wenige davon.

 

In Reichweite daneben sein Lieblingsmotorrad, eine Norton Commando 850 von 1976. „Die haben mir Reiner Behrens und Dieter Cordes aus Einzelteilen zusammengebaut. Dieter alias `Doc. Norton` wohnt in Rastede bei Oldenburg in einem Bauernhof mit integriertem Hühnerstall und raucht selbstgedrehte Kippen, bei so einem bist du immer richtig, wenn es um historische Kostbarkeiten geht“. Ein Jahr nach der Bestellung bekam er sie angeliefert: „Als ich das Tuch vom Motorrad runtergezogen habe, bekam ich einen Anfall“ beschreibt er seine Glücksgefühle, den Traum seiner Jugend nun endlich zu besitzen.

 

„Kennst Du die Comics von Joe Bar?“ fragt er mich, „klar Claus“, sage ich, „wo die verrückten Franzosen in Jeans mit Cromwell-Helmen auf dem Kopf auf Honda 750, Ducati 750 SS, Kawasaki 900 und Norton Commandos durch die Dörfer düsen und ihre Bremspunkte verpassen, weil der Metzger sein Werbeschild 10 Meter weiter oben aufgestellt hat. „Menschlicher Anstand hat nichts mit einem leisen oder lauten Auspuff zu tun, ganz im Gegenteil. Aber weil wir in unserem deutschen Wahn glauben, dass wir alles stromlinienförmig richtig machen und in Betriebsanleitungen fassen müssen, fehlt heute der Motorradnachwuchs“.

 

Claus, kommen auch junge Leute zu Dir? „Ja natürlich, aber die meisten meiner Kunden haben 27 tiefen Falten um jedes Auge, alles richtige Motorradfahrer seit langen Jahren. Von 2001 bis 2004 habe ich den Red-Bull-Honda-Cup mit Kombis ausgerüstet, junge Rennfahrer, alles Kinder, dsie im Regelfall von ihren Eltern vorbildlich unterstützt wurden. Der Motorradnachwuchs ist heute schwierig anzusprechen, denn die Welt ist überladen mit Sinneseindrücken. Für die heutige Jugend brauchen wir keine Aufkleber ‚Laut ist out’, sondern wir müssen den Rapper Eminem mit einem Halbschalenhelm auf ein Motorrad mit lautem Auspuff setzen, dann kommt das Gefühl für Technik und Freiheit im Fahrtwind vielleicht rüber. Weist du noch, Peter Fonda und Dennis Hopper in Easy Rider, wie sie zum Song der Birds ‚Wasn’t born to follow’ in den Sonnenuntergang fahren?“ Klar weiß ich das, Claus!

 

Lederkombis bauen, Motorradfahren: It’s only Rock’n Roll. „Hab’ i net recht?!“


Hämmers Lieblingsballade von Reinhard Mey

 

Ich habe meine Rostlaube tiefergelegt

... am Vergaser geschraubt und am Auspuff gesägt

und ich stand und ich ging und ich fuhr wie James Dean
doch ich sah aus wie ich und ich roch nach Benzin
und ich fuhr hundert mal ihre Straße entlang

nichts als Flausen im Kopf und den Tiger im Tank

und sie trug gleichzeitig Nase und Pferdeschwanz hoch

engelgleich und unnahbar

und ich wagte es doch

und habe getanzt weil man halt tanzen muss

bis zum letzten Tanz für einen ersten Kuss

und sie lehrte mich warten und sie lies mir viel Zeit

und ich übte Geduld und ich lernte Zärtlichkeit

doch Gefühl folgt Gefühl

und ein Wort gibt ein Wort

und die Rückbank im Käfer war unser Zufluchtsort

da war kein Himmelbett wie im Nobelroman

doch an dem was man Glück nennt waren wir nie näher dran ...

 

www.schwabenleder.de

 

Text: F.J. Schermer, Fotos: Sandra Hauber

 

 

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