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Lieber eine gebrauchte BMW als gar keine.

Japan-Tagebuch Kapitel 01 - 15.03.2000

 

Hiroyuki Ohba ist glücklich. Geschafft, aber mit einem breiten Lächeln im Gesicht sitzt er an diesem frühlingshaften Sonntag hinter seinem kleinen Laptop und meldet den Kaufvertrag Nummer 64 an diesem Wochenende. Ohba-san ist Angestellter der Motorcycle Division bei BMW Japan und dort als Gebraucht-Motorrad-Spezialist tätig. Eben hat eben die zweite von sechs pro Jahr stattfindenden BMW Approved Motorcycle Fair, also einer Gebraucht-Motorrad-Verkaufsausstellung, hinter sich gebracht.

 

Mit ihm strahlen die Verkäufer der dreizehn Tokyoter BMW Motorradhändler um die Wette, denn sie haben von den 130 ausgestellten Motorrädern fast die Hälfte verkauft. Das ist neuer Rekord, denn auch gebrauchte BMW Motorräder sind in Japan nicht einfach zu verkaufen: Das Geld im Volk ist knapper denn je, das Land lebt seit zehn Jahren in einer großen Wirtschaftskrise und davon sind die Ausgaben für des Vaters liebstes Hobby mehr betroffen als die nötigen Ausgaben für das Familienleben.

 



Typisch japanische BMW-Gang ;-)


Dass Japan das Land der unbegrenzten Motorradvielfalt ist, hat sich in unseren westlichen Köpfen festgesetzt. Es gibt hier nichts, was es nicht gibt zwischen 50 und 1600 ccm. Das meiste wird ja auch ins Ausland exportiert und ist uns bekannt. HoYaSuKa liefert alles. Was nicht heißen soll, dass hier jedes Jahr Millionen von Motorrädern verkauft werden; der japanische Motorradmarkt ist nur rund 100.000 Einheiten im Jahr groß und weist Jahr für Jahr weniger Neumaschinen aus. Dazu kommen noch einmal rund 500.000 Roller mit 50 Kubikzentimeter; treue Arbeitstiere, die solange von jung und alt gefahren werden, bis sie entweder zerbrechen oder irgendwo vergessen werden; meist am Bahnhof, vor dem Kaufhaus oder einer Kneipe.

 

Gebrauchte Motorräder werden in Japan billig abgegeben.

 

Ist der Neuheiteneffekt des "großer, schneller, lauter" verpufft, muss etwas anderes her, falls das Geld es erlaubt. Zwei, drei Jahre sind Modelle aktuell, dann wird neu gekauft. Oder nicht mehr gefahren, weil man dann den Job wichtiger nimmt als Motorradfahren. Vielleicht kommt auch eine Freundin, die keine Lust hat, sich mit einem Biker zusammenzutun und deswegen ein Auto angeschafft wird. Eines mit Spoilern vorn wie hinten, tiefergelegt und mit breiten Reifen auf Alufelgen, mit verdunkelten Scheiben und einem lauten Auspuff.

 

Gebrauchte Statussymbole hingegen wie BMW, Harley Davidson oder Ducati werden teuer gehandelt. Neu kosten sie knapp doppelt so viel wie bei uns in Deutschland und entsprechend hoch werden sie als Gebrauchte geschätzt. Vorausgesetzt, das Motorrad ist gepflegt und hat eine lückenlose Historie im Bordbuch über durchgeführten Inspektionen und Reparaturen. Dann lassen sich Wahnsinnspreis erzielen.

 

BMW Japan weiß das und organisiert zusammen mit örtlichen Händlern sechsmal im Jahr jeweils zweitägige Gebraucht-Motorrad-Verkaufsmessen: Alle zwei Monate finden eine statt in Tokyo, Osaka und Hiroshima und sie sind überall alle ganz gut besucht. Nicht dass man jetzt denkt, da strömen tausende Menschen durch die Hallen und Gänge wie bei einer normalen Motorradausstellung, aber es kommen reichlich Leute, die echt an BMW Motorrädern interessiert sind.

 



Und noch eine...


So wurden bei der hier beschriebenen Veranstaltung immerhin 750 intensive Kundengespräche geführt, die dann zu den besagten 64 Kaufabschlüssen führten. 23 der Kunden bezahlten cash, die anderen 41 wählten den Kreditvertrag zu 1,9 Prozent Zins im Jahr.

 

Die ausgestellten Motorräder waren in erstklassigem Zustand. Zehn, zwanzig Jahre alte BMW's in einem solch gepflegten Zustand (viele der Bikes hätten das Prädikat "museumsreif" verdient!) sieht man sonst nirgendwo. Natürlich wurden die Fahrzeuge von den Händlern für die Ausstellung noch mal extra gewienert, aber die Basis hier ist viel ordentlicher als ich es jemals irgendwo anders auf der Welt gesehen habe.

 

Die gebrauchten BMW's stehen damit in krassem Gegensatz zu den einheimischen, also japanischen Motorrädern. Die vergammeln im Laufe der Jahre und werden dann einfach irgendwo abgestellt und vergessen. BMW's aber sind Statussymbole, Sammlerstücke; sie sind mehr als schnöde Fortbewegungsmittel. BMW's sind ein Stück deutsches Lebensgefühl, ein Beweis für viele japanische Kunden, dass es etwas anders gibt als japanische Wegschmeiß-Massenware.

 

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