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Lifestyle in Japan

Japan-Tagebuch Kapitel 02 - Ende Januar 2000

 

Einige GrĂŒnde, warum speziell in Japan der "Lifestyle" blĂŒht: Wenn ein japanisches Kleinkind aus dem Haus geht auf den Weg in den Kindergarten, dann ruft ihm die treusorgende Mutter nach: "Kind, benimm' dich so wie die anderen!" SpĂ€ter, wenn das Kind in die Schule geht, der gleiche Spruch. SpĂ€ter, wenn es in die höhere Schule geht, wieder. Im Studium: Wieder. Das prĂ€gt den Japaner ein Leben lang. Bis zum Tod. Und deswegen erzĂ€hle ich Euch jetzt, warum in Japan der Lifestyle blĂŒht und oft seltsame BlĂŒten treibt.

 

"Der Japaner" will ausbrechen aus der Enge des Landes, aus der kleinen Welt der kleinen HĂ€user, der ĂŒberfĂŒllten Strassen und ĂŒberlaufenen StĂ€dte, der engen Dörfer. "Der Japaner" will endlich Platz um sich herum haben, genĂŒgend Platz um Motorrad zu fahren, will Weite sehen und spĂŒren und erleben können. "Der Japaner" sucht einen Platz auf der Welt, wo es offener und freiheitsbezogener zugeht als bei ihm zuhause, es nicht so viele Reglementierungen und Vorschriften gibt wie in Japan.

 

"Der Japaner" ist in seinem persönlichen Aktionsradius stark eingeengt. Er lebt auf einer Insel vulkanischen Ursprungs, kann nicht ausbrechen aus den LandschaftsverhĂ€ltnissen. Knapp 90 % des japanischen Landes sind so gebirgig und zerklĂŒftet, dass sie praktisch unbewohnbar sind. Nur 8 bis 10 % sind urbanisiert.

 

"Der Japaner" ist eingeengt in die allgegenwĂ€rtig prĂ€senten, immer wieder aufkommenden Traditionen, bei deren er sich freiwillig gezwungen fĂŒhlt, mitzumachen. Trotz möglicher innerer Abneigung muss er eine Schuluniform tragen, die ihn bis in die UniversitĂ€t hinein verfolgt. Im BĂŒro sind genormte (Arbeits-) AnzĂŒge angesagt. Er hat Geld zu geben beim Beten am Neujahr.

 

"Der Japaner" ist in seinem ganzen Leben abhĂ€ngig von Traditionen und gefangen darin in geistiger und sachlicher Art und Weise: Der Arbeitgeber zwingt in ein Rollenspiel, das deutlich von oben nach unten ausgerichtet ist. FĂŒr die Familie bleibt nicht viel Zeit. Die Freizeit ist wegen langer Tagesarbeitszeiten und kurzer Urlaube beschrĂ€nkt. FreizeitaktivitĂ€ten sind von gesellschaftlichen ZwĂ€ngen vorgegeben und vom japanischen Staat strengstens reglementiert.

 



Bosozoku - japanische Rocker




Café plus Ducati


Der Japaner, der auch nur einen Funken Rebellentum in sich trĂ€gt, sieht nur einen Ausweg: Sich in eine Scheinwelt zu flĂŒchten, in eine, die ihm gefĂ€llt. Eine, die er irgendwo entdeckt und die ihn mental gepackt hat: Im Film, im Fernsehen, in der Werbung, in Zeitschriften, in der Literatur, in der Mode.

 

Wenn "der Japaner" sich entschlossen hat, etwas zu machen, dann will er es richtig machen. Er eifert seinen Vorbildern nach und möchte das in allen (also in wirklich allen!) Details möglichst richtig machen. Doch die ZwĂ€nge des Landes erlauben es ihm nicht, also perfektioniert er seine Scheinwelt immer mehr. Bis es dann fĂŒr uns "Westler" lĂ€cherlich erscheint.

 

Dies soll nun bitte keine Wertung sein. Eine solche erlaubt schon der Respekt vor dem "japanischen Menschen" und seiner tiefen Verwurzelung in der Tradition nicht. Aber es ist eine wichtige Erkenntnis, die man sich werbe- und verkaufsphilosophisch zunutze machen kann, mit gutem Gewissen ĂŒbrigens: "Gib dem Menschen Dein Produkt mit dem Ziel, dass Dein Kunde glĂŒcklich wird damit, indem er beim Gebrauch Deines Produkts glĂŒcklicher ist als vorher!"

 

Japaner leben gerne in einer fremden (Schein-) Welt. Eine, die ihnen gefĂ€llt. Diese bauen sie sich aus, erheben sie zu ihrem eigenen Lifestyle. Beispiel: Die japanischen 59er Rockers sind keine echten Rocker von innen heraus, also echte Protestler gegen das Etablishment, sowie damals in England, Amerika und auch Deutschland. Die japanischen 59er Rocker haben nur die Äußerlichkeiten der englischen Rocker aus den 60er Jahren auf sich ĂŒbertragen:

 

Tollenfrisur mit Pommade drin, silberner Halbschalenhelm, Lederjacke mit Ansteckern dran, weißer Schal, Jeans und Lederschaftstiefel mit oben nach aussen geschlagenen WollstrĂŒmpfen, Und natĂŒrlich ein englisches Motorrad, vorzugsweise Triumph.

 

So erklĂ€ren die japanischen 59er Rocker der Umwelt ihren Lifestyle: "Anders sein als andere", aber streng nach Vorbild! Dabei sind sie wirklich harmlos, tun niemandem etwas, laufen nicht mit ausgestellten Ellenbogen durch Menschenmassen, pöbeln nicht, rauben keine Banken aus, stehlen alten Omas keine Handtaschen, prĂŒgeln nicht auf wehrlose Passanten ein. Manche von ihnen machen mitten in der Nacht einen Haufen LĂ€rm, doch davon spĂ€ter mehr.

 



Ride with italian style




Just ride


Noch ein paar andere Dinge, bei denen die Japaner "Lifestyle" denken, bezogen auf Besitzer der Produkte, Fahrer, oder einfach Liebhaber bestimmter Produkte, die aus den dazugehörigen LĂ€ndern kommen mĂŒssen und mit bestimmten Leuten in Verbindung gebracht werden:

 

Italien: Ducati! Racing gestern und heute, 60er Jahre mit Einzylinder Ducatis, wichtige Ducati-Leute wie Taglioni (Kostrukteur) und Fogarty (Weltmeister), Italian Style: StĂ€dte, Essen und Trinken, Möbel, große Gebaude.

 

Ferrari: Formula one! Enzo Ferrari! Michael Schumacher! Wow!

 

Alfa Romeo: Technik und Design sowie Italian Style

 

England: Jaguar! Englische LandhĂ€user, weites GrĂŒn, Geborgenheit, offenen Kamin, Picknick, Royal Family, Großstadt London, mĂ€chtige GebĂ€ude, Le-Mans-Siege in den 50er Jahren

 

Deutschland: BMW! Leistung, Styling, Disziplin der Formensprache, Made in Germany. Und, ganz wichtig: ein BMW Automobil ist in Japan eher ein Kunstwerk denn ein Gebrauchsgegenstand.

 

Volkswagen: ZuverlÀssigkeit, treu wie ein deutscher SchÀferhund, Massenprodukt zwar, aber "was so lange und oft gebaut wurde, das muss einfach gut sein". Imagebasis von VW ist der KÀfer. Und, haha, was glaubt Ihr Freunde, wie viele Japaner in Adolf Hitler einen prima Kerl sehen, der es der Welt gezeigt hat von seinem kleinen Deutschen Reich aus. Und erst Deutsche Panzer, die seien doch so qualitativ hochwertige Dinge, wie man sie heute nirgends mehr zu kaufen bekommt


 

USA: Chevrolet Corvette! Ausdruck der amerikanischen Freude am Überfluss, lang und stark, dennoch noch ein ernstzunehmender Sportwagen. Pickup! Seinem Besitzer treu ergebener Lastenesel, der in der Weite und Einsamkeit des amerikanischen Kontinents als Fortbewegungsmittel und krĂ€ftiges Arbeitstier so unentbehrlich ist wie Essen und Trinken. Zum Cowboy gehört lĂ€ssige Kleidung, also Jeans, T-Shirt und Cowboystiefel und die Marlboro sowie das Tragen einer Waffe ("Knarre") ohne Waffenschein.

 

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