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Neujahr in Japan

Japan-Tagebuch Kapitel 03 - Anfang Januar 2000

 

Feuerwerke? Böllerschüsse? Grosse Sylvesterparties? Fehlanzeige. Die Japaner verkriechen sich über Neujahr in ihren Hütten oder bei Verwandten. Sie kommen nur raus, wenn sie zum Beten ihre Tempel besuchen. Jedes Dorf hat seinen Tempel, seinen Schrein, es gibt einige ganz große, viele mittlere und tausende kleine. Und alle sind sie alt, traditionsbeladen. Große Feuerwerke finden nicht statt, das Neue Jahr wird ruhig gefeiert.

 

Meine Freundin Thea war über Sylvester hier in Japan (28.12.99 bis 9.1.2000). Wir haben uns Tokyo angesehen, sind mit Vorortzügen und U-Bahnen gefahren, mit dem Superschnellzug Shinkansen und auf BMW Motorrädern in der Gegend herumgekurvt. Grad' schön war's und mich hat beruhigt, dass es ihr bei ihrem ersten Besuch in Japan genauso ging wie mir in den ersten Wochen hier: Übervoll mit den fremden Eindrücken hundemüde abends in Bett sinken und tief schlafen.

 

Drei Tempel haben wir besucht: Am 31.12.99 waren wir mit dem Motorrad in Kamakura, dort steht der zweitgrößte Buddha Japans, 12 Meter hoch und mehr als 1300 Jahre alt. Am 1.1.2000 besuchten wir in Tokyo den Meiji-Schrein, der liegt direkt beim Tokyo Tower, das ist eine 333 Meter hohe Stahlkonstruktion in Art des Eiffel-Turms, aber zwei Meter höher als das französische Vorbild. Klar, haben wir den bestiegen und in alle Richtungen über ganz Tokyo hinweggeblickt!

 

Tokyo ist der größte Ballungsraum der Welt, 27 Millionen Menschen drängen sich hier auf engstem Raum, knapp 10.000 Menschen sind es tagsüber auf einem Quadratkilometer (zum Vergleich Australien: Zwei auf einen qkm). In den drei Tokyoter Innenstadtbezirken halten sich tagsüber mehr als 2,5 Millionen Menschen auf; nachts, wenn die Büropendler zuhause sind, reduziert sich die Zahl auf nur noch 240.000.

 

Thea und ich waren am 4.1. auf der Ise Jingu, das ist eine Halbinsel, ungefähr 300 km südlich von Tokyo. Sie gilt als "Geburtsplatz Japans", ist also übervoll mit Traditionen, mit alten Holzhäusern, mit Souveniershops, etc. Und dem enstprechend viele Menschen sind dort, alles Japaner natürlich, kaum Gaijin (Fremde).

 



1300 Jahre und 12 Meter. Heftig.


Mit dem Superschnellzug Shinkansen sind wir von Tokyo nach Hamamatsu gefahren, es war ein sehr angenehmes Reisegefühl in diesem zwar vollen, aber sehr sauberen, sehr leisen Zug. In Hamamatsu haben wir von einem BMW Händler zwei Motorräder bekommen und sind dann zusammen mit ihm in der Gruppe zur Ise Jingu gefahren, haben mit der Fähre übergesetzt und dort ganz japanisch das neue Jahr begrüßt.

 

Das geht so: Man reiht sich in eine endlos lange, unglaublich breite Schlange von Menschen ein, die alle den Tempel besuchen. Nach und nach wird die Schlange dichter, das Gedränge enger. Die Anzahl von Polizisten und uniformiertem Wachpersonal nimmt zu, der dichte Staub in der Luft ebenso. Denn alle Japaner schlurfen - und wenn man bei trockenem Wetter über einen Kiesweg schlurft, dann staubt es. Ganz furchtbar, wie bei einem Kamelabtrieb in der Wüste oder einem Rodeo in USA. Über Lautsprecher wird das Volk aufgefordert, langsam zu gehen, nicht zu drängeln und sich innerhalb der Absperrungen zu halten.

 

Nach 30 Minuten disziplinierten Schlurfens kommt dann ein Wassertrog, so eine Art Viehtränke, wo kleine, hölzerne Schöpfkellen bereit liegen. Dort hat sich der Besucher die Hände zu waschen und den Mund zu reinigen, damit er "sauber" beim Schrein ankommt und entsprechend körperlich gereinigt ist beim Beten. Man nimmt also eine Schöpfkelle voll mit Wasser und kübelt diese seinem Nebenmann über die Hände, der tut dann so, als würde er sich die Hände waschen und gibt noch ein paar Spritzer Wasser an den Mund. Das sieht in etwa so aus, als würde ein fünfjähriger Dreckspatz abends vorgeben sich zu "waschen". Bewahren einer Tradition hat eben nicht immer etwas mit "richtig machen" zu tun.

 

Vor dem Tempelschrein dann Wachpersonal satt. Sie sammeln die Besucher in mobilen Seilvierecken und lassen sie im Minutentakt in Hunderterpulks schubweise nach vorn an den Schrein. Dort wird eine Handvoll Münzgeld in den großen Opferstock geworfen, der je nach Bedeutung des Tempels bis zu zwanzig Meter breit und zwei Meter lang sein kann; die Tiefe beträgt ungefähr einen Meter. Damit ja kein Geld verloren geht, ist um die Neujahrszeit der Opferstock mit einer dicken Plastikplane vergrößert.

 



Typischer Gaijin




Wunschzettel


Nachdem das Geld eingeworfen wurde, was bei der Masse an Leuten, die vor dem Opferstock sich drängeln, von den hinten stehenden eine große Wurfkraft und Zielgenauigkeit verlangt, werden die Hände gefaltet, die Augen geschlossen und jeder murmelt sein Gebet. "Buddha, sorge für mehr Lohn!" soll der meistgebetete Spruch in dieser Zeit sein, ungefähr gleich mit "Gesundheit". Wie viel man von was im kommenden Jahr erhält, hängt stark von der geopferten Geldsumme ab.

 

Danach klatscht man zweimal in die Hände, damit Buddha auch hört, dass da jemand gebetet hat, dreht sich nach rechts um und geht davon. Nach rechts deswegen, weil von links hinten schon der nächste Schub (gläubiger?) Japaner anrückt, eine massige Walze Mensch. Beim weggehen sieht man aus den Augenwinkeln, wie die Mönche hinterm Opferstock in gebückter Haltung das Geld zusammenraffen und in Eimern davontragen. Neujahr ist die einträglichste Zeit für Mönche und ihre Tempel!

 

Die Zeit des geldschmeissenden Betens dauert in Japan von kurz vor Sylvester bis in die erste Woche des neuen Jahres hinein, also vom 30.12. bis 5.1. Tag und Nacht haben die Tempel geöffnet, Hunderttausende, wenn nicht gar alle 126 Millionen Japaner kommen, um Geld zu werfen und zu "beten". Und der Rummel um die Tempel ist wirklicher Rummel, denn die manchmal sehr langen Wege zu und von den Tempeln und Schreinen (sie liegen meist in riesig großen, grünen, parkähnlichen Anlagen) sind rechts wie links mit Buden bestückt, die allerlei verkaufen: Andenken aus Holz, Ton und Plastik, bunte japanische Fächer, Neujahrspfeile mit Wunschkärtchen dran. Auch an die Verpflegung der Massen muss gedacht werden sowie ans Pinkeln!

 

Wie das geldverbundene Beten ist das aufhängen von Holztäfelchen an die Tempelwände sowie das anstecken kleiner gefalteter, mit Wünschen und Hoffnungen vorgedruckter Wunschzettel an die Zäune eine weitere japanische Tradition. In einem Seitenabteil der Tempel stehen kleine Kinderfiguren aus Stein oder Ton, denen setzt man dann ein rotes Strickmützchen auf, hängt ihnen ein Holztäfelchen um den Hals, steckt ein paar Blümchen in die Vase und legt ihnen ein paar Mandarinen und Crackers als Wegzehrung vor die Füße. Damit wird den Seelen toter Kinder gedacht.

 

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