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Die Stadt in der ich lebe

Japan-Tagebuch Kapitel 12 - Mitte Oktober 1999

 

Seit 1.10.99 bin ich hier in Makuhari, dass ist ein Ort in der PrĂ€fektur Chiba auf dem Weg von Tokyo zum Großflughafen Narita. Makuhari liegt direkt in der Bucht von Tokyo, vom BĂŒrofenster aus kann ich das Meer sehen.

 

Doch Vorsicht mit der Romantik, von wegen Freddy-Quinn-Meer-Blick und so, denn wenn ich den Kopf auch nur ein paar Winkelgrade nach rechts drehe, dann sehe ich die Schlote der Fabriken, die in den Industrie-Vororten in Richtung Tokyo stehen und 24 Stunden am Tag dicken grauen, manchmal auch schwarzen Qualm ausstoßen. Noch sind die Japaner noch nicht soweit wie wir, was die (angebliche) "Sauberkeit" von Industrieabgasen angeht, aber das kommt schon noch. Vielleicht morgen oder ĂŒbermorgen, stinkende Industrieabgase sind ja kein Exportartikel, der Geld bringt und man deswegen industrielle Eile hĂ€tte, um der Volkswirtschaft und dem Bruttosozialprodukt seinen eigenen Beitrag zu leisten.

 

Makuhari ist eine kĂŒnstliche angelegte Stadt. FrĂŒher waren hier in der Gegend klassische Fischerdörfer, wie sie weiter sĂŒdlich am Meer entlang noch erhalten sind. An einem schönen Oktober-Sonntag bin ich mit einer BMW R 1100 R ganz alleine in dieser Gegend umherkutschiert - es war wunderschön, wie an der Cote Azur, aber viel sauberer. Ganze Horden von Surfern trieben sich im Meer herum und in den Bergen war ich auch. Doch davon spĂ€ter.

 

Vor einigen Jahrzehnten hat man hier angefangen, dem Meer Land abzutrotzen, indem man einfach allgemeine HaushaltsabfĂ€lle mit Bauschutt und Naturerde gemixt ins Wasser geworfen und festgestampft hat. Darauf wurden BĂŒro- und HoteltĂŒrme gebaut und die "Neue Messe Tokyo". Hotels, BĂŒrohĂ€user und Messe sind teilweise durch weit geschwungene ÜbergĂ€nge miteinander verbunden, so dass man alles kreuzungsfrei zu Fuß machen kann.

 

Weiter vorne, also direkt am Meer, liegt BAY CITY. Eine komplett neue Stadt, gerade mal zwei Jahre alt, mit weitrĂ€umigen, vier- bis fĂŒnfstöckigen Wohnblocks, die mit begrĂŒnten Innenhöfen ausgestattet sind. In den Erdgeschossen dieser Blocks zu den beiden, kreuzförmig angeordneten "Hauptstrassen" hin sind Shops untergebracht: Restaurants, Cafes, FahrradhĂ€ndler, WĂ€schereien, Drogerien, Friseure, etc., eben alles, was eine Stadt so braucht, um geschĂ€ftsmĂ€ĂŸig zu funktionieren. Es gibt von jedem Shop mindestens zwei, damit wird Konkurrenz geschaffen untereinander, es entsteht keine Monopolkultur. Und schließlich belebt ja Konkurrenz auch das GeschĂ€ft. Nur Kneipen oder gar Bars, etwa wie ROGER'S KISTE, in die man reinsitzen und saufen und labern und bis in den nĂ€chsten Morgen hinein Musik hören kann, die fehlen hier total. Doch dazu spĂ€ter mehr.

 

Straßenbelag und Gehsteige in BAY CITY sind in der Shop-Area auf einer Ebene, es gibt keine Bordsteine. Die Abgrenzung vom Gehsteig zur Strasse ist mit Pollern gestaltet, Ă€hnlich denen, die man aus HĂ€fen kennt, woran Schiffe vertaut werden. Nur dass die Stadt-Poller aus Kunststoff sind mit einem Licht drin, das bei Nacht brennt.

 

Überhaupt ist alles sehr sauber und bei Nacht brennen die Straßenlaternen hell. Niemand braucht Angst zu haben vor ÜberfĂ€llen, selbst eine Frau kann alleine bei Nacht auf der Strasse gehen. Es ist irre, das ganze Gebiet hier sieht aus wie eine Future-World, aber nicht unsympathisch, wirklich nicht. Entlang einem schmalen Flussableger habe ich neulich eine schmutzige Ecke gefunden mit ein paar verrosteten FahrrĂ€dern, alten Schuhen und sonstigem MĂŒll. Ich war richtig froh ĂŒber diese Dreckecke, dass also hier doch nicht alles so clean ist, wie ich den ersten Eindruck hatte. Oder: Die Japaner haben diese Ecke kĂŒnstlich angelegt, um ein bisschen "real world" zu schaffen, ich glaube, die sind zu allem fĂ€hig


 

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