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Ich unter japanische Rockern

Japan-Tagebuch Kapitel 17

 

Zurück zu den Rockern: Falls sie keine Lederjeans tragen, haben sie blaue Jeans an, deren Hosenbeine unten fünf bis zehn Zentimeter umgeschlagen sind, oder sie tragen die Hosenbeine in kniehohen, englischen Motorradstiefeln, wo der mattsilberne Reißverschluss senkrecht hoch läuft und zwei Schnallen drüber sind. Die weißen Wollstrümpfe sind oben am Stiefelschaft um drei Zentimeter nach außen umgeschlagen.

 

Es ist schon sehr drollig, wie die meist sehr dünnen Japaner aussehen in dieser Zirkuskleidung, mit der sie den englischen Rockern der 60er Jahre nacheifern wollen, also den Typen, die damals im ACE-Café in London und Brighton herumhingen, Norton und Matchless und BSA und (vor allem!) TRIUMPH fuhren, das sind ihre Vorbilder. Es gibt hier einen locker organisierten 59 CLUB, der zur Party neulich samstags im Tokyoter Vorort Kawasaki eingeladen hatte.

 

Der Boss und ich waren dort und haben uns zwei Stunden vor dem CLUB CITTA inmitten der draußen an der frischen Luft herumlümmelnden Rocker aufgehalten. Rein in den Club wollten wir nicht, denn es spielten sehr laute Bands und außerdem kostete es fast 60 Mark Eintritt. Es wäre zwar bis morgens um fünf Uhr gegangen, also hätte sich das Geld rentiert, aber da man in Japan als Motorrad- und Autofahrer keinen Tropfen Promille im Blut haben darf, kann man auch nix trinken und ohne ein einziges Bier eine ganze Nacht in einer Disco-ähnlichen Kneipe rumzuhängen, das ist doch einfach nicht machbar.

 

Wir mussten auch gar nicht rein, um Kontakt zum Volk zu bekommen, denn wir waren mit BMW R 1200 C AVANTGARDE vorgefahren, das ist der neueste Cruiser von BMW, der durch die Schlichtheit seiner Lackierung auffällt (gell, wie ich die Sprüche von BMW schon gut drauf habe, he?). Mit diesen beiden, in grau und pfirsich lackierten Cruisern sind wir inmitten der TRIUMPH 650 und 750 Bonnie, NORTON ATLAS, und FASTBACK, VELOCETTE CLUBMAN, ARIEL RED HUNTER und der ganzen großen Menge zu British-Style-Bikes umgebauten YAMAHA SR 400 aufgefallen wie zwei Deutsche Panzer im Porzellanladen.

 

Aber die Rockers sind ganz, ganz harmlose Bürschchen, wenn sie auch wild, ganz wild sogar, aussehen und sich mit Bierdosen in der Hand (einer hatte gar eine Flasche SUNTORY WHISKEY in der Plastiktüte unterm Ärmchen!) so wild geben wie Marlon Brando in THE WILD ONE. Jeder hatte für ungefähr einen Monatslohn metallene Anstecker an der Jacke: NORTON, TRIUMPH, HARLEY-DAVIDSON - nichts bleibt verschont, kein Logo aus der Ferne, vor allem aus England oder Amerika, wird ausgelassen.

 

Und ein ordentlicher japanischer 59er Rocker verwendet als Gürtelschnalle ein TRIUMPH-Tankemblem aus Gusseisen. Das Gewicht dieses Trumms alleine reicht schon, um ihm die Hose runterzuziehen, denn wie oben schon gesagt hat selbst ein japanischer Rocker keinen Bauchansatz oder gar Speck um die Hüften, woran er seine Hose hängen oder reinklemmen könnte.

 

Ein BMW-Händler namens Hideyo ANDO, der drei große Läden hat, die alle den Namen NIEDERLASSUNG tragen, ist der japanische Importeur der Anstecker meines Freundes Manfred Wegener, der ja, wie Ihr vielleicht wisst, Europas größte Anstecker- und Pin-Collection hat. Ando-san jedenfalls hat gesagt, die Rocker seien gefährlich und böse. Deswegen wolle er mit denen nichts zu tun haben und denen auch nichts verkaufen.

 

Ohne, daß ich ihm jetzt etwas nachsagen will, denke ich, dass ein japanischer 59er Rocker im Grunde seines Herzens nicht anders ist als ein japanischer Alphornbläser oder japanischer Kaninchenzüchter, nur daß er eben eine Lederjacken trägt mit hundert Ansteckern und Aufnähern darauf, eine Toll-Frisur mit Pomade drin auf dem Kopf hat - und eben Motorrad fährt, einen Engländer oder als solche zurechtgemachte Yamaha SR 400. Aber so ist das eben mit den Vorurteilen, man kennt das ja – und sie wolle gepflegt werden.

 

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