Illustration

Geschäftsweg als Frühsport

Japan-Tagebuch Kapitel 26 - Mitte November 1999

 

Die "Arbeitsweg-Kultur" kann ich Euch folgendermaßen schildern: Der Postkasten, also dort wo ich jeden (fast jeden…) Morgen hingehe, um meinen täglichen (beinahe täglichen…) Liebesbrief an Thea einzuwerfen, der steht kurz vor dem Ausgang des Bahnhofs MAKUHARI STATION. Während der letzten Tage war hier eine Computermesse, zuvor war die TOKYO MOTOR SHOW, das ist alle zwei Jahre die größte Auto- und Motorradmesse in Japan (ähnlich der IAA und der Intermot zusammen), allerdings mit 1,35 Millionen zahlender Besucher in 10 Messetagen!

 

Während der Messetage strömten jeden Morgen so kurz vor neun Uhr Massen um Massen von Menschen aus dem Bahnhof, stürzten sich die Treppe hinunter in Richtung Messe, zu fünft, zu sechst, zu siebt nebeneinander, eine Reihe nach der anderen, alle in dunkelblauen Anzügen mit weißen Hemden und einfarbigen Krawatten, alle mit einem Täschchen in der Hand, alle in Eile, alle in kurzen, schlurfenden Trippelschritten. Und um gegen diesen gesichtslosen Menschenstrom anzukommen, nur um an den Briefkasten zu gelangen, das ist schon eine Survival-Übung erste Güte. Daß es bisher keinen Unfall gegeben hat, ein Schelmel-san gegen mindestens siebzehn Japaner, die schwer verletzt waren, weil sie übereinander gefallen sind, nachdem ich mit dem ersten zusammengestoßen bin, wundert mich immer wieder.

 

Aber weil ich mich gewissenhaft auf den Tag vorbereite, macht mir diese erste Überlebensübung keine Probleme. Und weil ich mit dem Motorrad ins Geschäft fahre, damit aber nicht an den Briefkasten herankomme, weil der auf dem Bürgersteig hinter dem Taxistand aufgestellt ist, und ich ihn eben deswegen nur zu Fuß erreichen kann, parke ich mein Motorrad ordentlich auf einem Motorrad-Parkplatz, lasse meinen Helm auf, mache die Ellenbogen breit und stürze mich so bewehrt in die gegenläufige Masse der aus dem Bahnhof herausströmenden JapanerInnen.

 

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