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Japaner im Zug

Japan-Tagebuch Kapitel 27 - Mitte November 1999

 

Und falls Ihr glaubt, die seien immer höflich, dann seid Ihr schief gewickelt: Morgens, wenn die aus dem Zug kommen, haben sie ihre Augen vielleicht erst seit einer Minute offen, denn vom Einsteige- bis zum Aussteigebahnhof wird geschlafen - und wer ist denn schon höflich, wenn er gerade aufgewacht ist? Ich bin mal morgens um 8:32 Uhr nach Tokyo reingefahren und habe die Leute im Zug beobachtet: Sie sitzen quer zur Fahrtrichtung auf längsseits der Waggons angebrachten Bänken, auf den Knien haben sie ihre Aktentasche und der Kopf ist über den gummiartig gebogenen Hals auf die Brust gesunken. Wenn der Zug anfährt, wanken sie kollektiv nach der einen Seite, fährt er dann nach kurzer Zeit mit gleichmäßiger Geschwindigkeit dahin, dann bleiben sie in leichter Schräglage entgegen der Anfahrseite hingelehnt - und wenn der Zug wieder bremst, fallen sie nach der anderen Seite. Dabei schlafen sie ganz fest.

 

Es scheint mir, dass sie sich kollektiv so hinsetzen, dass jede Bank einen gemeinsamen Zielbahnhof hat, denn wenn einer aus der schlafenden Reihe zu früh aufstehen würde, dann kämen die anderen ja ganz durcheinander! Nein, das geht nicht. Übrigens schlafen sie, als wären sie tot, kein Schnaufen, keine Bewegung, kein zusammenzucken. Aber wie denn auch, der Zug macht ja jeden Tag den gleichen Rhythmus, schuckelt hier so und dort so, das ist in Fleisch und Blut der Zugkunden übergegangen.

 

Diejenigen Zugfahrer, die stehen müssen, also keinen Sitzplatz bekommen haben, lesen. Manche haben ihre Nasen tief drin in den Büchern, direkt auf der Stelle, die sie angucken, vielleicht auch lesen. Vielleicht schlafen sie auch im Stehen mit offenen Augen und lehnen ihre Nasenspitze im Buch an, damit der Kopf nicht nach vorne fällt, wer weiß?

 

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