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Roller, Speed und Landstraßen

Japan-Tagebuch Kapitel 34 - Anfang Dezember 1999

 

Die Landstrassen außerhalb Tokyos und Chibas sind die Reviere, die ich bis heute abgegrast und überlebt habe. Die Strassen im Hinterland sind noch schmaler als schmal, vergleichbar mit einem geteerten Feldweg bei uns. Meist gilt 40 oder 50 km/h Maximum, da schert sich aber wirklich keiner drum, vor allem kein Motorradfahrer, egal, ob jung oder alt, egal, auf welcher Art von Motorrad er sitzt. Ihr müsstet mal die dicken Roller sehen, also die Yamaha Majesty oder Honda Helix oder Suzuki Burgman, wie die durch den Verkehr knallen, den Automatik-Gasgriff am Anschlag, die Krawatte flattert nach hinten vom Hals weg wie eine Fahne und es gilt nur FULL POWER IM SLALOM RUM UM DIE BLÖDEN AUTOS!

 

Aber natürlich fahren nicht alle Rollerfahrer so wild. Der japanische Normalo-Roller hat 50 ccm und ist so winzig, dass man denkt, man könnte ihn in der Handtasche mitnehmen, zumindest einer Handtasche einer normalen deutschen, emanzipierten jungen Frau. Meiner deutschen (Macho-) Meinung nach haben die heutigen deutschen, scheinbar so emanzipierten Mädels nur deswegen so große Handtaschen, weil sie immer und überall alles mögliche an Kosmetik und frischer Unterwäsche dabei haben müssen, falls sie einem One-Night-Stand auflaufen und irgendwo anders übernachten… Also die Roller sind nicht wirklich sooo klein, aber zumindest so klein, wie man sich bei uns ein Zwischending von Kinder- und Normalmotorroller vorzustellen hat.

 



Packesel




Minimum Size - Maximum Power


Diese 50er Roller gibt es von Honda, Yamaha und Suzuki und es werden pro Jahr rund 700.000 Stück davon in Japan verkauft. Junge wie alte Hausfrauen, junge Leute, ältere Männer, alle rollern damit durch die Gegend. Die kleinen Dinger sind vor allem in japanischen Innen- und Altstädten zu Hause, wo es sehr, sehr eng zugeht und deswegen auch keinen Parkraum für größere Fahrzeuge gibt.

 

Unter Tags stehen sie auf den Fahrradparkplätzen der Bahnhöfe, wo ab und zu auch mal ein Roller vergessen wird und dann zwischen irgendwelchen Fahrrädern steht und steht und bei starkem Wind auch umfällt und dann liegt und liegt, wochenlang und keiner kümmert sich darum, der arme Roller! Neulich standen auf dem Motorrad- und Fahrrad-Parkplatz in der Nähe des Bahnhofs, von mir aus gesehen hinter dem großen Einkaufszentrum mit Namen PLENA MAKUHARI, eine ganze Menge vergessener Roller, Fahrräder und einige Motorräder mit total verrosteten Ketten (kann bei einer BMW nicht passieren…!). Als die TOKYO MOTOR SHOW näher rückte, hing eines abends ein Zettel an jedem der Eingangspfosten zu diesem Parkplatz, auf dem irgendwelche Hyroglyphen standen, also japanische Schriftzeichen. Dazu 10 und 18 in arabischen Ziffern.

 

Und tatsächlich, am Morgen des 19ten war der Parkplatz leergefegt, alle "vergessenen" Fahrräder, Roller und Motorräder waren weg. Aber nicht von ihren Besitzern abgeholt, sondern vom Abschleppwagen. Sie werden auf einer Versteigerung dem Volk angeboten und was nicht verkauft wird, das landet auf dem Schrott.

 

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